Café Blaulicht – Kolumnen und Meinungen

Matthias Morgner über russische Gefängnisse: Kultur der Korruption

Posted in Matthias Morgner (Linguist) by cafeblaulicht on 16. Mai 2006

Russland hat eine alte Tradition des Einsperrens und eine alte Kultur der Gefängnisse. (Foto: Archiv Morgner)

Gastautor Matthias Morgner gibt in diesem Artikel einen Aufriss wie die sowjetische Korruption entstand, nämlich in den Gefängnissen. Wie die Unterscheidung in „Staatsfeinde“ und „gute Diebe“ gemacht wurde. Wie sich historisch das sowjetische System, das Eigentum ablehnte und damit scheiterte, in den Lagern (GULags) entwickelte und eine Kultur der Bevorzugung der Kriminellen und der Benachteiligung der Regimekritiker hervorbrachte. Erst Anfang der 1960er Jahre kam ein neues Gefängnisgesetz, das vieles änderte. (mjo)

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(Wien, im Mai 2006) Das russische Internet, das so genannte „Ru-net“, ist reich an Fotos und Texten zum russischen Strafvollzug und zur Gefangenensubkultur. In österreichischen Gefängnissen sind vor allem Personen aus Georgien breit vertreten.

Im gesicherten Material waren allerdings in keiner russischen oder deutschen Ressource Hinweise auf Georgier in österreichischen Gefängnissen zu finden.

„Klassenbewusste“ Kriminelle gegen „Volksfeinde“

In Russland begannen im Jahre 1929 die ersten Massenrepressionen gegen vermeintliche politische Gegner des stalinistischen Regimes. Während des „Großen Aufbaus“ in den 1940er und 1950er Jahren stieg die Zahl der politischen Häftlinge in den Gefängnissen und Lagern auf ein Millionenausmaß an.

Ganze Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichsten Lebensanschauungen, Interessen und Fähigkeiten wurden im sowjetischen GULag-System erfasst und über das Land verteilt. Der Großteil dieser als „Volksfeinde“ geltenden Menschen war auf ein Leben in Haft moralisch und psychisch völlig unvorbereitet und deshalb kaum in der Lage, kollektiv Widerstand zu leisten. Dennoch fürchtete die Staatliche Politische Sonderverwaltung OGPU, ein Vorläufer des späteren KGB, Lageraufstände durch politische Gefangene und begann, mit professionellen, in der kriminellen Welt besonderes Ansehen genießenden Verbrechern zu kooperieren.

Autoritäten.
(Foto: Archiv Morgner)

Gefängnisautoritäten – Sozialisiert im Gefängnis

Die Ursprünge dieser später „Diebe im Gesetz“ (vory v zakone) genannten kriminellen Autoritäten liegen in der Welt der Diebe des 18. Jahrhunderts und in den Moskauer Gilden der Bettler und Taschendiebe im 19. Jahrhundert. Nach dem bolschewistischen Staatsstreich von 1917 kam es zu einer ersten Annäherung zwischen der Welt der Politik und „klassenbewussten“ oder „sozial nahe stehenden“ Kriminellen, da Bolschewisten und Kleinkriminelle beide dieselbe Verachtung für das Eigentum hegten. Außerdem würde nach sowjetischer Doktrin mit dem Aufbau des Kommunismus die Kriminalität von selbst verschwinden.

Per Dekret wurde 1931 eine entsprechende Strategie für die operative Arbeit mit den „kriminellen Autoritäten“ ausgearbeitet, die den Einsatz Krimineller im Kampf gegen die „Volksfeinde“ vorsah. Direkte Kontakte zwischen den staatlichen Institutionen und den „kriminellen Autoritäten“ gab es aber kaum. Es wurde lediglich ein Umfeld geschaffen, in dem die Bildung einer von den „kriminellen Autoritäten“ beherrschten Ordnung begünstigt wurde. Die Lageradministrationen waren angewiesen, die „kriminellen Autoritäten“ mit allen Mitteln zu fördern, ihnen freie Hand im Lager zu lassen und gewisse Privilegien zu gewähren. So waren sie von jeder Form der Arbeit befreit und durften sich auf dem Lagergelände frei bewegen.

Zudem bekamen sie im Vergleich zu politischen Gefangenen deutlich geringere Haftstrafen. Einzige Bedingung für die kriminelle Gefängnis- und Lagerelite war, sich nicht in wirtschaftliche und vor allem politische Prozesse des Landes einzumischen.

Damit wurde de facto eine klare Klassenunterteilung der Gefangenen in „gewöhnliche Verbrecher“ (bytoviki) und „Volksfeinde“ geschaffen. Die „kriminellen Autoritäten“ nannten sich nun „Diebe im Gesetz“ und nahmen an Zahl sukzessive zu. Durch die offizielle Unterstützung krimineller Gefangener im GULag-System verstärkte sich der Druck auf nichtkriminelle Insassen und sollte schließlich zu einer rapiden Zunahme und Konsolidierung der Kriminalität in den Lagern und in der Sowjetunion führen.

Jesus spielt eine Rolle in der Gefängniskultur.
(Foto: Archiv Morgner/Wien)

1948: Der „hündische Krieg“

Nach der Vernichtung der „Volksfeinde“ versuchten die staatlichen Institutionen, das professionelle Verbrechen wieder in den Griff zu bekommen. Angesichts des wachsenden organisatorischen Potentials der „Diebeswelt“ und der Existenz von unabhängigen und schwer kontrollierbaren Strukturen wurde der sowjetischen Kriminalität öffentlich der Krieg erklärt. Zunächst wurde 1947 das Strafausmaß für Diebstahl empfindlich erhöht, im Jahr 1948 schließlich die große Selbstzerstörung der Diebeswelt eingeleitet, bekannt als der „Hündische Krieg“ (su?naja vojna).

Dieser „Krieg“ war eine gut geplante staatliche Aktion. Geschickt wurde der seit Ende des Zweiten Weltkriegs bestehenden Konflikt zwischen orthodoxen, allen Vorschriften des „Gesetzes“ konsequent verfolgenden Dieben und reformatorischen, aus der Roten Armee heimkehrenden „verräterischen“ Dieben (den „Hündinnen“, suki) verschärft. Später griffen die Lagerverwaltungen mit Misshandlungen und Hinrichtungen von auf dem „wahren“ Gesetz beharrenden Dieben ein und beförderten die „Hündinnen“ demonstrativ auf von der Lageradministration abhängige Posten.

Schließlich zogen einfache Gefangene gegen die Diebe los und vertrieben sie aus den Wohnzonen oder zwangen sie zu für sie unwürdigen Tätigkeiten wie Stubendienst und anderem, was automatisch den Ausschluss aus der „Diebeswelt“ bedeutete. „Rückfällige“ Diebe wurde von der Lagerleitung genötigt, schriftlich und öffentlich allen Diebesideen abzuschwören und in alternativer Gefängnishaft ihr Strafende abzuwarten.

Klassengesellschaft in russischen Lagern – Staatsfeinde und gute Diebe

Zunächst lösten sich viele Diebesgruppierungen auf, und nur ein Viertel der „Diebe“ konnte ihren Status bewahren. Langfristig brachten die Maßnahmen jedoch keinen Erfolg, im Gegenteil: Einige „Diebe im Gesetz“ demonstrierten nun ihre Macht und bedrohten durch Unruhen und Aufstände die Stabilität und Sicherheit in einzelnen Lagern. Mit dem Tod Stalins 1953 setzten zudem landesweite Amnestien, Rehabilitierungen, Verurteilungen besonders grausamer Lagerakteure aus der jüngsten Vergangenheit, Aufstände und die Formierungen unabhängiger Lagerverwaltungen ein. Mit dem einstigen Glanz und Ruhm der Diebeswelt war es vorerst vorbei, aber die Kriminalität unter den Insassen nahm rasant zu, woran vor allem „kaputte“ Diebe auffällig hohen Anteil hatten.

Die Amnestiewelle von 1953 bewirkte zudem die Ausbreitung vieler „Diebe“ auf dem Gebiet der Sowjetunion. Zunächst wurden sie in den Hafenstädten Rostov-am-Don und in Odessa aktiv, wo sie von der Polizei als Informanten für die schwer kontrollierbaren Ströme von Migranten angeworben wurden.

Entlassene Gefangene oft als Polizeispitzel tätig. (Foto: Archiv Morgner)

Letztendlich war der Staat gezwungen, wieder mit den „Dieben im Gesetz“ in den Strafanstalten zu kooperieren. Diese forderten und bekamen einen noch größeren Aktionsspielraum in den Lagern und konnten erstmals auch Kontakte zur Außenwelt aufnehmen. Die Lager und Gefängnisse entwickelten sich schließlich zu einer Art Schaltzentrale des sowjetischen Verbrechens, das sich langsam aber sicher über das gesamte Land ausbreitete.

Geduldete Verbrechen: Schmuggel und Erpressung

Zu den wichtigsten Einnahmequellen des teilweise aus den Gefängnissen heraus organisierten sowjetischen Verbrechens zählten Schmuggel von Edelmetallen und Kunstgegenständen, Erpressung von Unternehmern im Untergrund (private Wirtschaftstätigkeit war in der UdSSR gesetzlich verboten), Rauschgifthandel und verstärkt der Raub von industriellen Gütern aus Staatsbetrieben.

Mit der Zeit kooperierten die kriminellen Strukturen direkt mit den Direktoren der Staatsbetriebe, die sich auf diese Weise ungestraft bereichern konnten. In der Breschnev-Ära sollten sich diese illegalen Strukturen weiter verfestigten.

Die Strafvollzugsreform von 1961

Im stalinistischen GULag-System und in den 1950er Jahren war der Strafvollzug hauptsächlich wirtschaftlich auf die Realisierung großer Bauprojekte mit möglichst großen Arbeitskräftekontingenten und geringem Personalaufwand ausgerichtet. Während im Inneren der Lager die Disziplin durch die Instrumentalisierung der ursprünglich kleinen kriminellen Elite gegen die große Masse der Verurteilten gesichert wurde, und die prekäre Versorgungslage der Arbeitslager das ihrige zu einer Selektion und Unterwerfung der Gefangenen beitrug, änderte sich das sowjetische Strafvollzugssystem Anfang der 1960er Jahre grundlegend.

Zuvor hatte sich während des sowjetischen „Tauwetters“ in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre die Atmosphäre nach der Entmachtung bzw. Entlassung der „Diebe im Gesetz“ in den Gefängnissen und Lagern der Sowjetunion deutlich entspannt. Insassen wurde nun Geld ausbezahlt, welches sie in Büffets und Geschäften ausgeben konnten. Ein zur Arbeit stimulierendes und gleichzeitig selbstdisziplinierendes Anrechnungssystem auf das Strafausmaß wurde eingeführt. Bei Übererfüllung der Arbeitsnorm konnten sich Insassen für einen guten Arbeitstag zwei oder drei Tage Haft anrechnen lassen, wodurch die Mehrheit mit der Perspektive auf eine vorzeitige Entlassung sämtlichen Regelverstößen oder Konflikten mit der Administration auszuweichen versuchte.

Verzahntes System der Kriminalität in alter Sowjetunion. (Foto: Archiv Morgner)

KPdSU in 60er Jahren – Keine Kampagnen gegen Kriminalität

Im neuen Parteiprogramm der KPdSU wurde nun zu Beginn der 1960er Jahre auf massenwirksame Kampagnen für einen „verstärkten Kampf gegen das Verbrechen verzichtet“ und dafür verstärkt betont, dass der Aufbau des Kommunismus automatisch ein Verschwinden der Kriminalität bewirken würde. Chruscev versprach in einer Rede sogar, er würde dem letzten Gefangenen beim Verlassen des Gefängnisses persönlich die Hand schütteln. Erreicht sollte dieses Ziel werden mit dem Leitspruch: „Kriminelle sollen die Verachtung der Gesellschaft spüren!“

Eine Zeitzeugin berichtet, wie dies vor sich ging: „1959 kam ich in die Zone… Wir waren etwa 150 Leute und arbeiteten überall in der Ortschaft außerhalb der Zone. Ich hatte eine 24h Ausgangskarte, sodass ich in der Arbeit übernachten durfte, wenn es notwendig war. Ich habe als Kindermädchen gearbeitet… Gearbeitet haben wir nicht für Talons, sondern für Geld. Im Geschäft gab es alles, von der Oberbekleidung bis zur Bettwäsche. Männer kamen zu uns zu Gast, wir zu ihnen. Anfang 1961, als sich das Regime änderte, wurden wir alle eingesperrt. Uns wurden die Ausgangskarten weggenommen, Anstaltskleidung angeordnet … Geld wurde uns auch keines mehr gegeben, alles wurde uns abgenommen, Wertsachen eingesammelt, ein Regime eingeführt… Nun mussten wir uns mit der Administration auseinandersetzen. Wie heute auch gab es dann Abteilungsleiter und einen Kolonieleiter. Da haben wir dann nur noch in der Zone gearbeitet…“

1961 – Umbenennung der Lager in „Anstalten“ und „Kolonien“

Zunächst wurden mit der Strafvollzugsreform von 1961 die Lager in „Anstalten“ der „Kolonien“ umbenannt und eine verschärfte Strafvollzugsgesetzgebung eingeführt. In allen Lebensbereichen des Gefangenen wurden umfassende Reglementierungen festgelegt, Normen zur Beschränkung von Briefverkehr, Paketsendungen und Besuchen von Angehörigen bis zur Auswahl der Lebensmittel. Das Arbeitsanrechnungssystem wurde durch eine vorzeitige bedingte Entlassung ersetzt, die allein von der Administration und nicht mehr von der Leistung des Gefangenen abhing.

Neue Kategorien des russischen Strafvollzuges

Der Strafvollzug wurde neu kategorisiert. Ersttäter kamen in Kolonien „allgemeinen Regimes“, während Wiederholungstäter und Schwerverbrecher einem „strengen“ oder „besonderen Regime“ unterlagen. Vor allem im ausgegliederten Jugendstrafvollzug und in den Anstalten „allgemeinen Regimes“ sollten sich in dem formal als lockerer geltenden Vollzug besonders brutale Hackordnungen herausbilden.

Die Reform von 1961 bedeutete einen Rückschritt zu alten Lagerverwaltungsmodellen, in denen in erster Linie die Einhaltung der staatlichen Gesetzlichkeit durch ein strenges Haftregime und ein hartes Bestrafungssystem vorgesehen war. Ein „Operativer Dienst“ der Strafvollzugsverwaltung mit einem Stand von 2 bis 5 % Agenten, Informanten und Provokateuren unter den Insassen versuchte, die innere Kontrolle des Lagerlebens zu übernehmen, gleichzeitig wurde ein Gefangenenselbstverwaltungssystem eingeführt. Insassen konnten nun neu geschaffene Verwaltungsfunktionen wie „Brigadier“, „Abteilungsältester“ und „Stubenältester“ besetzen, und einen Teil der Vollmachten des Lagerpersonals zugewiesen bekommen.

Die „Selbstverwaltung“ weitete sich sukzessive aus, übernahm Aufgaben der „politischen Umerziehung“ und sogar Wachfunktionen. Bald jedoch sorgte die Einrichtung so genannter „Sektionen“, quasi-ehrenamtlicher Gefangenenorganisationen mit Mitgliedschaft, für ein Ende des Gefangenenselbstverwaltungssystems im eigentlichen Sinn. Ein Gefangener, der ein Aufnahmegesuch an die „Organisation“ einreichte, war nun kein nur vorübergehender Mitarbeiter mit eingeschränkten Funktionen und Verantwortungen mehr, sondern wurde zu einem fixen und vielseitig einsetzbaren Gehilfen der Administration.

Besserung schwer in Sicht. (Foto: Archiv Morgner)

Der Insasse war jetzt verpflichtet, für Ordnung zu sorgen und Berichte über Verstöße anderer Gefangener zu liefern. Die nominelle Teilnahme in den Organisationen war zudem Voraussetzung für die Klassifizierung eines Insassen als „fest auf dem Weg der Besserung stehend“ und für damit verbundene Aussichten auf eine vorzeitige Entlassung.

„Am Weg der Besserung Stehender“

Es gab Listen mit Funktionen für „am Weg der Besserung Stehende“, und es entwickelte sich eine Art Nomenklatur mit entsprechenden Vermerken in Personalakten und (von kriminellen Strukturen unabhängige) Lagerkarrieren. Allerdings wollte trotz massiven psychischen und physischen Drucks seitens der Anstaltsadministration kaum ein Insasse Mitglied dieser „Sektionen“ werden. Bis in die 1970er Jahre hinein gelang es nicht, in allen russischen Kolonien „Selbstverwaltungsorgane“ zu bilden. Die „am Weg der Besserung Stehenden“ wurden von den Gefangenen isoliert und als „Rote“ oder „Ziegenböcke“ (kozly) einer neuen prestigelosen Kaste der Gefangenenwelt zugeordnet.

Insassen, denen „Widerstand gegen die Administration“ oder die „Entziehung von gesellschaftlich nützlicher Arbeit“ vorgeworfen, oder von Informanten des Operativen Dienstes wegen Zugehörigkeit zur „Diebeswelt“ angezeigt wurden, galten per Vermerk als „negativ verfasste Verurteilte“. Diese „negativ Verfassten“ wurden von den übrigen isoliert und in spezielle Gefängnisse überstellt.

Korruption oder: Die Unkultur der kahlen Felder

Der Kampf der Sowjetunion gegen die „Diebe im Gesetz“ erinnert an den Kampf der Chinesen mit den in China zu einer Plage gewordenen Spatzen, die oft die gesamte Saat von den Feldern fraßen. Die landesweite Aktion zur Vernichtung dieser Vögel brachte das ökologische Gleichgewicht derart durcheinander, dass in der Folge eine Flut von Insekten über die chinesischen Felder herfiel. Nur wenige Jahre nach der Strafvollzugsreform von 1961 begannen die „Diebe im Gesetz“ wieder eine Rolle zu spielen, bis sie in den 80er Jahren in der sowjetischen Öffentlichkeit als gesellschaftliches Phänomen breit diskutiert wurden.

Offenbar beschleunigte die Forderung, „auf dem Weg der Besserung zu stehen“ die Wiederbelebung des „Diebesgesetzes“, das nun als „Gefängnisgesetz“ (tjuremnij zakon) bezeichnet wurde und immer mehr Anhänger fand. Der von der Administration angebotene „Weg der Besserung“ wäre von vielen Gefangenen vor allem deshalb abgelehnt worden, weil ihnen eine Besserung mittels Verrat an Mitinsassen nicht nur unlogisch erschien, sondern als moralisch zutiefst verwerflich und ungerecht.

Ungeschriebene Gesetze – starke Milieukultur

Da aber die sowjetische Gefängnisadministration keinen alternativen „Weg der Besserung“ vorschlagen konnte, griffen die Insassen auf eigene Traditionen und alte Werte der Gefangenenwelt zurück und schufen neue Kasten (masti), Ordnungen und Statussysteme. Wie im „Diebesgesetz“ ist auch im ungeschriebenen „Gefängnisgesetz“ jede Art von Zuträgerei, Diebstahl unter Gleichen, haltlose Beschuldigungen und jede Art der Beleidigung verboten. Umgesetzt wird das „Gesetz“ entweder durch Auseinandersetzungen (razbojka), oder durch die Anrufung von kriminellen „Autoritäten“.

Während im alten „Diebesgesetz“ Verletzungen eines Prinzips auch durch Morde vergolten wurden, sah das neuere „Gefängnisgesetz“ zunehmend die so genannte „Herabsenkung“ von Insassen in den Status eines passiven Sexualobjekts vor. Durch das Ritual der „Herabsenkung“ erfolgte für den Betroffenen der Eintritt in die neu gebildete unterste Kaste der Gefangenen, der „Hähne“ (petuchi).

Eingestellt von Marcus J. Oswald (Ressort: Matthias Morgner)

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Mag. Matthias Morgner lebt in Wien, ist Russischdolemetsch und Mitarbeiter der Österreichischen Justiz. Er will auf dieser Seite über russische Gefängniskultur und über die Situation der russischen Subkultur in österreichischen Gefängnissen schreiben. Interessierte erreichen ihn unter dieser Webseite oder unter matthias.morgner@justiz.gv.at

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Cornelia Haupt über den perfekten Mord

Posted in Cornelia Haupt (Detektivin) by cafeblaulicht on 1. Mai 2006

(Wien, im Mai 2006) Sie wollten schon immer einmal einen perfekten Mord begehen? Das wollen viele. Nur wenigen gelingt es. Grundsätzlich, das wissen wir aus den Kriminalanalysen des Thomas Müller (Buch „Bestie Mensch“), ist jeder ein potentieller Mörder. Doch viele Morde sind plumpeste Affekttaten. Im Suff, im Hass, im emotionalen Ausbruch. Das ist ungeschickt, da der Tathergang rasch zu einer Aufklärung und Überführung und der Beseitigung des Täters ins Gefängnis führt. 1997 wurde in Italien ein Mord begangen, bei dem dem Vernehmen nach zwei Jura-Dozenten den perfekten Mord demonstrieren wollten. Es wurden die aufwendigsten Ermittlungen in der Geschichte Italiens bei einem Einzelmord. Der Fall gilt bis heute nicht als restlos geklärt. Die Strafen fielen milde aus. In ihrem Beitrag zeigt Cornelia Haupt den Fall auf und gibt danach Beispiele aus der Filmwelt, in denen der „perfekte Mord“ ein Thema ist. Text: Cornelia Haupt. Bearbeitung und Bildtexte: Marcus J. Oswald. (mjo)

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Vor der juristischen Fakultät in Rom erschossen: Marta Russo, 22

Am 9. Mai 1997, einem Freitag, fiel Marta Russo, 22, am Gelände der römischen La Sapienza-Universität zu Boden. Sie war in Begleitung einer Freundin, ebenso Studentin. Russo stürzte direkt unter den Fenstern der juristischen Fakultät. Es war 11 Uhr 34. Zwei Medizinstudenten, die in der Nähe standen, stellten sofort fest, dass sie angeschossen worden war. Schuss in die Schläfe. Sie leisteten Erste Hilfe. Doch Russo starb vier Tage später an ihren Gehirnverletzungen. Italien war in Schock versetzt. Man wollte nicht glauben, dass am hellen Tag vor Tausenden von Zeugen eine Studentin auf offener Straße erschossen werden kann.

Ballistiker erhoben, dass nur von den Hörsälen 4, 6 oder 8 aus geschossen worden sein konnte. Die Behörden begannen mit ihren Vernehmungen. Ein schneller Erfolg blieb aus. Es war nicht mehr zu klären, wie viele Menschen sich zur Mittagszeit in den Hörsälen befanden. Bloß im Hörsaal 6 befanden sich nachweislich nur vier Hochschulangestellte. Die Vernehmungen brachten auch hier nichts ein: Keiner hatte das Mordopfer Marta Russo gekannt oder wahrgenommen. Motive und Waffen wurden bei diesen vier Personen keine gefunden.

Jedes Motiv fehlte

Klassiker unter den Mordmotiven wie Habsucht oder Eifersucht eines gehörnten Liebhabers schieden bald aus. Ausgeschieden ist bald auch die Möglichkeit, dass der Mörder im nahen Gebüsch saß und aus dem Freien schoß. Die Ermittlungen gestalteten sich überaus schwierig.

Ein Hinweis brachte die Ermittlungen erst nach Monaten voran. Zwei Studenten sagten aus, dass zwei jener vier Hochschulangestellten, die sich zur Tatzeit im Hörsaal sechs aufgehalten hatten – die Dozenten Giovanni Scattone und Salvatore Ferraro – Fachvorlesungen zu rechtsphilosophischen Fragen hielten. Beide galten als ehrgeizig und sehr begabte Wissenschaftler. In einem Seminar vertraten sie die These, dass ein perfekter Mord grundsätzlich möglich ist. Giovanni Scattone eröffnete seine Seminare gerne mit den Worten: „Es ist unmöglich, einen Mord aufzuklären, wenn der Täter kein Motiv hat, und wenn die Tatwaffe nie gefunden wird.“

Im Verdacht, aber nie lupenrein: Jura-Dozent Giovanni Scattone

Die Ermittlungen zogen sich und es kam zu Widersprüchen unter den vier Anwesenden im Saal 6. Einer, Salvatore Ferraro, gab an, doch nicht im Saal zur Tatzeit gewesen zu sein. Das Alibi, das er anbot, stellte sich jedoch als falsch heraus. Scattone und Ferraro gerieten immer mehr in Verdacht, die Studentin erschossen zu haben, um die Theorie zu beweisen, dass es ein perfektes Verbrechen gibt.

Die beiden anderen Zeugen gaben unterschiedliche Aussagen zu Protokoll. Von nichts bemerkt bis Identifikation des Schützen waren mehrere Versionen darunter. Einmal wollten sie Ferraro gesehen haben, der schoss, dann wieder Scattone. Im Jahr 1997 wurde gegen beide Universitätsdozenten ein Prozess eröffnet. Beide waren rechtskundig und wußten sich gut zu verteidigen.

Scattone meinte: „Ich soll also nach Meinung der Anklage so unendlich dumm sein, dass ich nicht in einen Nebenraum ging, wo ich – ohne von Zeugen gesehen zu werden – hätte schießen können? Nein. Ich soll aus dem Nichts eine Pistole gezogen haben, obwohl drei Zeugen das hätten sehen müssen, um dann zum Fenster zu gehen und wahllos einen Menschen zu töten? Ich, ein bisher völlig normaler Mensch, soll mich in jener Minute in ein vollkommen irrational handelndes Monster verwandelt haben? Glauben Sie das wirklich?“

80 Polizisten, 231 Experten, 45 Ballistiker, 5.500 Seiten Gutachten

Von 1997 bis 2003 befassten sich drei Gerichte mit dem Fall. Trotz mehrfacher Falschaussagen und Meineide der beiden Universitätslehrer konnten sie nie stichhaltig des Mordes an Marta Russo überführt werden. Aus eben jenen zwei Gründen, die Giovanni Scattone in seinen Seminaren thematisierte: Sie hatten kein Motiv, und die Tatwaffe wurde nie gefunden.

Insgesamt arbeitete die gesamte Mühle des Apparates am Fall, der eine harte Nuss war: Der Berg kreiste und gebar eine Maus. 80 Polizeibeamte einer Sonderkommission. 231 Experten untersuchten den Hergang am Tatort. 45 Ballistiker untersuchten die Flugbahn der Kugel. 5.500 Seiten Gutachten zum Fall. Zum ersten Mal schaltete sich der Staatspräsident in die Beweisaufnahme eines Prozesses ein: Weil der Staatsanwaltschaft keine Ermittlungserfolge gelangen, versuchte sie eine Zeugin zu erpressen. Die Aussagen mussten gestrichen werden.

Ende 1997 fällte ein Gericht in bemerkenswertes Urteil: Salvatore Ferraro erhielt wegen „Beihilfe“ vier Jahre und zwei Monate Haft, blieb aber in Freiheit. Giovanni Scattone wurde wegen „Mordes an Marta Russo“ zu fünf Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Er musste auch nur für wenige Monate ins Gefängnis. Ein Kassationsgericht erhöhte diese Urteile im Jahr 2000 auf 6 Jahre und 8 Jahre. Schließlich befand in Letztinstanz Ende 2003 ein Kassationsgericht die beiden Angeklagten für schuldig der „fahrlässigen Tötung“. Die Richter reduzierten die Dauer der Haft. Scattones seither achtjährige Haftstrafe wurde um sechs Monate verringert, die des verurteilten Mittäters Ferraro um vier Monate auf fünf Jahre und acht Monate. Letzturteil: 7,5 Jahre und 5 Jahre und 8 Monate

Die Urteilsbegründung ließ die Frage offen, ob einer der beiden tatsächlich der Mörder war. Bei zweifelsfreiem Nachweis hätte das Urteil mehr als 15 Jahre gelautet: Sogar das Parlament in Rom beschäftigte sich mit der Causa. Einige Abgeordnete forderten die Freilassung für Scattone und Ferraro.

Der wahre Tathergang vom 9. Mai 1997 wurde nie geklärt: Ein Geständnis gab es nicht. Ein Motiv gab es nicht. Eine Waffe fand man nie. Es war beinahe der „perfekte Mord“. Wenngleich der wirklich perfekte Mord in letzter Konsequenz auch ohne Verurteilungen enden muss. Das war beim römischen Kriminalfall am Campus der Universität nicht der Fall.

(cornelia haupt/marcus j. oswald)

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Cornelia Haupt fasst nun einige Szenen aus der Filmwelt zusammen, die sich mit dem „perfekten Verbrechen“ beschäftigen (Zusammenstellung: Cornelia Haupt, Illustration: Marcus J. Oswald)

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Alfred Hitchcock: Cocktail für eine Leiche (Rope)

Mit seinem ersten Farbfilm (1948) „Cocktail für eine Leiche“ hat der Meister des Suspense, Alfred Hitchcock, sein Können erneut unter Beweis gestellt. Die ganze Handlung spielt an einem einzigen Drehort – der Wohnung eines Harvard-Studenten – und basiert auf der Vorlage eines erfolgreichen Bühnenstücks. Die Studenten und Wohnungsgenossen Brandon Shaw und Phillip Morgan ermorden aus sportlichem Ehrgeiz ihren Kommilitonen David Kentley und stecken die Leiche in eine Truhe. Dann veranstalten sie eine Cocktailparty und laden zahlreiche nichts ahnende Gäste ein, zu der auch ihr früherer Professor Rupert Cadell erscheint. Dessen nihilistische Philosophie hatte die beiden zu ihrer Tat veranlasst, und in der nun geführten Diskussion über moralische Werte werden die Anspielungen auf den Mord immer deutlicher…

Patricia Highsmith: Zwei Fremde im Zug (Strangers on a train)

1950 schreibt Patricia Highsmith „Zwei Fremde im Zug“, ihr erster großer Roman und erster Erfolg. Alfred Hitchcock drehte danach einen seiner besten Filme, zu dem Raymond Chandler das Drehbuch schrieb. Die Story: Zwei Fremde im Zug – das sind Guy Haines und Charles Bruno Anthony. Sie sitzen einander während einer langen Zugfahrt gegenüber und kommen ins Gespräch. Sie unterhalten sich über die kleinen Sorgen. Bruno über seinen Vater, den er hasst, Guy über seine Ex-Frau Miriam, die einen anderen hat. Dennoch unterscheidet sich dieses Gespräch von den anderen. Denn Bruno hat einen Einfall, eine fixe Idee. Er schlägt Guy vor: „Sie bringen meinen Alten um, und ich töte ihre Ex-Frau“ – der perfekte Mord: Kein Motiv, denn der einzige Verdächtige hat ein hieb- und stichfestes Alibi. Und niemand wird Guy und Bruno in Zusammenhang bringen, da sie einander nicht kennen können…

Mord nach Plan (Murder by numbers)

Cassie Mayweather (Sandra Bullock) ist Detective in der Mordkommission von San Benito, Kalifornien. Ein eigentümliches Duo macht ihr zu schaffen: Zwei Teenager, die entschieden zu viel Nietzsche gelesen haben, wollen den perfekten Mord begehen. Justin, ein bis zum Hals zugeknöpfter Verlierer, vergeistigt und blassgesichtig, und Richard, sein Gegenpart, ein cooler, privilegierter Bengel, ein schicker Darling. In der Öffentlichkeit verhalten sie sich wie zu erwarten, damit verdecken sie ihren diabolischen Bund. Im stillen Kämmerlein planen sie den perfekten Mord, mit einer Mischung aus Intelligenz und erstaunlichen forensischen Kenntnissen. Sie töten das Opfer und legen falsche Spuren in Form von Haaren und Schuhabdrücken, ziehen somit die Stränge in ihrem mörderischen Komplott und belächeln die Kriminalisten, wie sie den falschen Verdächtigen hinterher jagen. Psychologisch durchaus fundiert, geht es um moralische Grenzen und Gesetzlosigkeit, letztlich um den reichlich perversen Wunsch zweier Menschen, etwas Verbotenes zu tun, ohne dafür bestraft zu werden…

CSI Las Vegas – 3. Staffel, Folge 19: „Bei Anruf Mord“ (A Night at the Movies):

Diese Folge befasst sich das Team um Grissom mit dem Thema Mord ohne Motiv. Während einer Kinovorführung klingelt ununterbrochen ein Handy. Als der Platzanweiser den Störenfried bitten will, sein Telefon auszuschalten, bemerkt er, dass der Mann tot ist. Die Spur führt über diesen Anruf zu einer Verdächtigen. Da der Anruf aber von ihrem Hausanschluss kam, kann sie nicht die Mörderin sein. Wenig später wird sie erhängt am Treppengeländer gefunden. Jemand versucht, die Tat wie einen Selbstmord aussehen zu lassen. Das CSI-Team ermittelt in alle Richtungen und stößt schließlich auf eine Geschichte aus einem Alfred Hitchcock-Film…

Cornelia Haupt befragte den Kölner Experten Dr. Mark Benecke, ob es überhaupt den „perfekten Mord“ gibt?

Mark Benecke, Experte für vertrackte Fälle.
(Foto: Oswald)

Dieser meint: „Klar gibt´s den perfekten Mord, am besten ganz stupide einen Berufs-Killer anheuern und sich ein gutes Alibi suchen, sowie das eigene Tat-Motiv sehr, sehr, sehr gut vertuschen. Klappt allerdings nur, wenn mensch nicht ZU VIELE schlaue Vorbereitungen trifft, weil es sonst doch wieder viele Spuren gibt. Ausführlich beschrieben beim Grossmarkt-Mord in meinem Buch MORD-METHODEN…der Auftraggeber war NACHWEISLICH zur Zeit der Tötung weit vom Tatort entfernt, ist aber wegen Anstiftung trotzdem streng verurteilt worden. Die Ausreden und Vertuschungen dürfen auch nicht kompliziert sein, sonst verstrickt mensch sich sofort im Lügen. Ist also alles nicht so einfach. Und dann ist da ja auch noch Kommissar Zufall.

Zweite Möglichkeit: Besonders alte oder besonders junge Leute umbringen, da ist es für unsereins manchmal schwierig, überhaupt gedanklich auf ein Gewalt-Delikt zu kommen. Typisches Beispiel: Sexualdelikte gegen alte Frauen mit Tötung „gibt’s nicht, wer würde denn sowas machen?“. Tja…gibt’s leider recht oft, zumindest in den USA, wie mir der zuständige FBI-Agent für diese Fall-Gruppe erzählt hat. Generell rate ich vom Morden ab – selbst, wenn mensch nicht erwischt würde (was meiner Meinung nach viel seltener vorkommt, als es neuerdings zu lesen ist), plagen einen doch vermutlich Alpträume.

Kleiner Praxis-Trick: Den sieben Todsünden (vor allem Hass, Neid, Gier, Eitelkeit und Faulheit) so weit wie möglich abschwören, der Rest, nämlich ein friedliches, sinnvolles, frohes, erfülltes Leben, ergibt sich von selbst.“

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Cornelia Haupt ist seit 15 Jahren Berufsdetektivin und Inhaberin der Bluemoon-Detektivagentur. Sie ist außerdem Herausgeberin der Zeitschrift „Der Detektiv“ (www.derdetektiv.at).

Eingestellt von Marcus J. Oswald (Ressort: Cornelia Haupt)

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