Café Blaulicht – Kolumnen und Meinungen

Peter F. Auzinger aus dem Anstaltspital der JA Stein – Essay

Posted in Allgemeine Haftkolumnen by cafeblaulicht on 26. Juli 2006

Überlegungen von Peter F. Auzinger.

Wie Kriminalität entsteht – Peter F. Auzinger beschreibt seine Anfänge

(Wien, im Juli 2006) Der große Rolf Bossi, nach dem verstorbenen „SL“, Schmidt-Leichtner aus Frankfurt, Doyen der deutschen Strafverteidiger, sagte mir vor über dreissig Jahren: „Straffälligkeit hat immer eine Vorgeschichte, die oft bis in die früheste Kindheit zurückreicht, und niemand sollte alleine für sein Schicksal, das durch Herkunft und Kindheit bestimmt wird, bestraft werden.“

1952 ausserehelich geboren, in frühester Kindheit zwischen erzkonservativen Grosseltern, asozialer Mutter, zweier Stiefväter, von denen einer, Alkoholiker, durch Selbstmord und der andere nur bei der Mutter blieb, um sich ungehindert an der Halbschwester vergehen zu können, letztlich durch einen Mord endete, in diversen Heimen hin- und hergerissen, waren die Zukunftsperspektiven nicht die Erfolgversprechendsten. Die vielen Versuche zu mir selbst zu finden, ein meiner besonderen Vergangenheit gemäßes Leben zu führen, haben gerade deshalb immer wieder scheitern müssen, weil es mir nie mehr gelang, Boden unter den Füssen zu bekommen und zwischen rettender Phantasie und tatsächlicher Wirklichkeit zu unterscheiden.

Zu lange hatte ich seit der Kindheit alleine aus der Phantasie leben müssen. Die immer wieder angestrebte Harmonie zwischen den beiden Positionen, hielt nie länger als einige kümmerliche Wochen und Monate. Fluchten in irgendwelche Beziehungen waren stets nur eine Synthese zwischen Traum und Wirklichkeit und apriori zum Scheitern verurteilt. Immer wenn man glauben will es endlich geschafft zu haben, fühlt man bereits schmerzlich das Messer der Niederlage im Bauch. Letztlich war ich untragbar, für mich und für andere.

An den Seilen, die man mir manchmal spannte, die nicht selten aber auch Fallstricke waren, konnte ich mich nicht festhalten, sondern schlüpfte unter ihnen durch und wenn ich dann wieder auf neuem, unbekanntem Gelinde stand, kam die Angst, die Panik wieder, der gehetzte Blick, der Griff nach dem Halt, der in Wirklichkeit keiner war. Tabletten und Alkohol. Es ist das primäre Problem nicht das Urteil oder die Strafe, sondern die dazuführende Lebenssituation, die durch die Vergangenheit geprägte eigene Persönlichkeit. Nachdem mir das Ausmaß und die Tragweite des nunmehrigen Urteils so richtig bewusst wurden, habe ich freilich mit mir gekämpft, doch es gab nur zwei Möglichkeiten.

Es hat nicht wirklich mit Depression zu tun, wenn man in einer solchen Phase resignierend über sein Leben nachdenkt. Zweiundfünzig Jahre alt, davon zahllose Heime, über zwanzig Jahre im Gefängnis und nun weitere zwölf Jahre vor sich habend, zu dem Entschluss kommt, dass es einfacher wäre, sich dem gesamten Desaster, als Quintessenz aus dem bisherigen Leben, durch Selbstmord zu entziehen.

Das sind keine theoretischen Spielchen im Kopf, sondern das verfestigt sich zur logischen Konsequenz. Durch fernöstliche Literatur irrend und halbmeditierend einfach noch einen Point of no Return zu setzen oder aber sich mit Überzeugung für das Gegenteil zu entscheiden, war die einzige Möglichkeit. Besonders dramatisch war, dass ich wusste, die mir angelasteten Taten begangen und auch gleich einige Phantasietaten eingestanden zu haben, aber dass es mir infolge des extremen Alkoholkonsums, und, was noch schlimmer ist, des Medikamentenmissbrauchs, nicht möglich war, mich mit den Straftaten zu identifizieren. Es war, als hätte ich mich selbst beobachtet, und es ginge mich dennoch alles nicht wirklich an.

Zwölf Jahre sind natürlich im Leben eines jeden Menschen eine lange Zeit. Da die Zeit das kostbarste, weil unwiderbringlichste Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt bei jedem Rückblick der Gedanke an womöglich verlorene Zeit. Verloren ist aber eigentlich nur die Zeit, in der wir nicht als Mensch gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen oder auch gelitten haben. Verlorene Zeit ist jedenfalls unausgefüllte, in sich leere und damit eigentlich vegetierte Zeit.

Das waren aber, trotz allem Unbill, die vergangenen Jahre gerade deshalb nicht, weil auch Leiden Inhalte gibt. Habe ich auch vieles verloren, versäumt, oder im selben Sinne, erst gar nicht gefunden, jedenfalls gelernt und überlebt habe ich.

(PFA – Vermerk: ad usum proprium)

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Peter F. Auzinger sitzt in der Justizanstalt Stein an der Donau und liegt derzeit im Krankenlager.

Seine Adresse lautet: PFA, JA Stein, Anstaltsspital OG West 134, Steiner Landstraße 4, 3500 Krems a.d. Donau.

Eingestellt von Marcus J. Oswald (Ressort: Haftkolumnen)

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