Café Blaulicht – Kolumnen und Meinungen

Cornelia Haupt über den perfekten Mord

Posted in Cornelia Haupt (Detektivin) by cafeblaulicht on 1. Mai 2006

(Wien, im Mai 2006) Sie wollten schon immer einmal einen perfekten Mord begehen? Das wollen viele. Nur wenigen gelingt es. Grundsätzlich, das wissen wir aus den Kriminalanalysen des Thomas Müller (Buch „Bestie Mensch“), ist jeder ein potentieller Mörder. Doch viele Morde sind plumpeste Affekttaten. Im Suff, im Hass, im emotionalen Ausbruch. Das ist ungeschickt, da der Tathergang rasch zu einer Aufklärung und Überführung und der Beseitigung des Täters ins Gefängnis führt. 1997 wurde in Italien ein Mord begangen, bei dem dem Vernehmen nach zwei Jura-Dozenten den perfekten Mord demonstrieren wollten. Es wurden die aufwendigsten Ermittlungen in der Geschichte Italiens bei einem Einzelmord. Der Fall gilt bis heute nicht als restlos geklärt. Die Strafen fielen milde aus. In ihrem Beitrag zeigt Cornelia Haupt den Fall auf und gibt danach Beispiele aus der Filmwelt, in denen der „perfekte Mord“ ein Thema ist. Text: Cornelia Haupt. Bearbeitung und Bildtexte: Marcus J. Oswald. (mjo)

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Vor der juristischen Fakultät in Rom erschossen: Marta Russo, 22

Am 9. Mai 1997, einem Freitag, fiel Marta Russo, 22, am Gelände der römischen La Sapienza-Universität zu Boden. Sie war in Begleitung einer Freundin, ebenso Studentin. Russo stürzte direkt unter den Fenstern der juristischen Fakultät. Es war 11 Uhr 34. Zwei Medizinstudenten, die in der Nähe standen, stellten sofort fest, dass sie angeschossen worden war. Schuss in die Schläfe. Sie leisteten Erste Hilfe. Doch Russo starb vier Tage später an ihren Gehirnverletzungen. Italien war in Schock versetzt. Man wollte nicht glauben, dass am hellen Tag vor Tausenden von Zeugen eine Studentin auf offener Straße erschossen werden kann.

Ballistiker erhoben, dass nur von den Hörsälen 4, 6 oder 8 aus geschossen worden sein konnte. Die Behörden begannen mit ihren Vernehmungen. Ein schneller Erfolg blieb aus. Es war nicht mehr zu klären, wie viele Menschen sich zur Mittagszeit in den Hörsälen befanden. Bloß im Hörsaal 6 befanden sich nachweislich nur vier Hochschulangestellte. Die Vernehmungen brachten auch hier nichts ein: Keiner hatte das Mordopfer Marta Russo gekannt oder wahrgenommen. Motive und Waffen wurden bei diesen vier Personen keine gefunden.

Jedes Motiv fehlte

Klassiker unter den Mordmotiven wie Habsucht oder Eifersucht eines gehörnten Liebhabers schieden bald aus. Ausgeschieden ist bald auch die Möglichkeit, dass der Mörder im nahen Gebüsch saß und aus dem Freien schoß. Die Ermittlungen gestalteten sich überaus schwierig.

Ein Hinweis brachte die Ermittlungen erst nach Monaten voran. Zwei Studenten sagten aus, dass zwei jener vier Hochschulangestellten, die sich zur Tatzeit im Hörsaal sechs aufgehalten hatten – die Dozenten Giovanni Scattone und Salvatore Ferraro – Fachvorlesungen zu rechtsphilosophischen Fragen hielten. Beide galten als ehrgeizig und sehr begabte Wissenschaftler. In einem Seminar vertraten sie die These, dass ein perfekter Mord grundsätzlich möglich ist. Giovanni Scattone eröffnete seine Seminare gerne mit den Worten: „Es ist unmöglich, einen Mord aufzuklären, wenn der Täter kein Motiv hat, und wenn die Tatwaffe nie gefunden wird.“

Im Verdacht, aber nie lupenrein: Jura-Dozent Giovanni Scattone

Die Ermittlungen zogen sich und es kam zu Widersprüchen unter den vier Anwesenden im Saal 6. Einer, Salvatore Ferraro, gab an, doch nicht im Saal zur Tatzeit gewesen zu sein. Das Alibi, das er anbot, stellte sich jedoch als falsch heraus. Scattone und Ferraro gerieten immer mehr in Verdacht, die Studentin erschossen zu haben, um die Theorie zu beweisen, dass es ein perfektes Verbrechen gibt.

Die beiden anderen Zeugen gaben unterschiedliche Aussagen zu Protokoll. Von nichts bemerkt bis Identifikation des Schützen waren mehrere Versionen darunter. Einmal wollten sie Ferraro gesehen haben, der schoss, dann wieder Scattone. Im Jahr 1997 wurde gegen beide Universitätsdozenten ein Prozess eröffnet. Beide waren rechtskundig und wußten sich gut zu verteidigen.

Scattone meinte: „Ich soll also nach Meinung der Anklage so unendlich dumm sein, dass ich nicht in einen Nebenraum ging, wo ich – ohne von Zeugen gesehen zu werden – hätte schießen können? Nein. Ich soll aus dem Nichts eine Pistole gezogen haben, obwohl drei Zeugen das hätten sehen müssen, um dann zum Fenster zu gehen und wahllos einen Menschen zu töten? Ich, ein bisher völlig normaler Mensch, soll mich in jener Minute in ein vollkommen irrational handelndes Monster verwandelt haben? Glauben Sie das wirklich?“

80 Polizisten, 231 Experten, 45 Ballistiker, 5.500 Seiten Gutachten

Von 1997 bis 2003 befassten sich drei Gerichte mit dem Fall. Trotz mehrfacher Falschaussagen und Meineide der beiden Universitätslehrer konnten sie nie stichhaltig des Mordes an Marta Russo überführt werden. Aus eben jenen zwei Gründen, die Giovanni Scattone in seinen Seminaren thematisierte: Sie hatten kein Motiv, und die Tatwaffe wurde nie gefunden.

Insgesamt arbeitete die gesamte Mühle des Apparates am Fall, der eine harte Nuss war: Der Berg kreiste und gebar eine Maus. 80 Polizeibeamte einer Sonderkommission. 231 Experten untersuchten den Hergang am Tatort. 45 Ballistiker untersuchten die Flugbahn der Kugel. 5.500 Seiten Gutachten zum Fall. Zum ersten Mal schaltete sich der Staatspräsident in die Beweisaufnahme eines Prozesses ein: Weil der Staatsanwaltschaft keine Ermittlungserfolge gelangen, versuchte sie eine Zeugin zu erpressen. Die Aussagen mussten gestrichen werden.

Ende 1997 fällte ein Gericht in bemerkenswertes Urteil: Salvatore Ferraro erhielt wegen „Beihilfe“ vier Jahre und zwei Monate Haft, blieb aber in Freiheit. Giovanni Scattone wurde wegen „Mordes an Marta Russo“ zu fünf Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt. Er musste auch nur für wenige Monate ins Gefängnis. Ein Kassationsgericht erhöhte diese Urteile im Jahr 2000 auf 6 Jahre und 8 Jahre. Schließlich befand in Letztinstanz Ende 2003 ein Kassationsgericht die beiden Angeklagten für schuldig der „fahrlässigen Tötung“. Die Richter reduzierten die Dauer der Haft. Scattones seither achtjährige Haftstrafe wurde um sechs Monate verringert, die des verurteilten Mittäters Ferraro um vier Monate auf fünf Jahre und acht Monate. Letzturteil: 7,5 Jahre und 5 Jahre und 8 Monate

Die Urteilsbegründung ließ die Frage offen, ob einer der beiden tatsächlich der Mörder war. Bei zweifelsfreiem Nachweis hätte das Urteil mehr als 15 Jahre gelautet: Sogar das Parlament in Rom beschäftigte sich mit der Causa. Einige Abgeordnete forderten die Freilassung für Scattone und Ferraro.

Der wahre Tathergang vom 9. Mai 1997 wurde nie geklärt: Ein Geständnis gab es nicht. Ein Motiv gab es nicht. Eine Waffe fand man nie. Es war beinahe der „perfekte Mord“. Wenngleich der wirklich perfekte Mord in letzter Konsequenz auch ohne Verurteilungen enden muss. Das war beim römischen Kriminalfall am Campus der Universität nicht der Fall.

(cornelia haupt/marcus j. oswald)

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Cornelia Haupt fasst nun einige Szenen aus der Filmwelt zusammen, die sich mit dem „perfekten Verbrechen“ beschäftigen (Zusammenstellung: Cornelia Haupt, Illustration: Marcus J. Oswald)

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Alfred Hitchcock: Cocktail für eine Leiche (Rope)

Mit seinem ersten Farbfilm (1948) „Cocktail für eine Leiche“ hat der Meister des Suspense, Alfred Hitchcock, sein Können erneut unter Beweis gestellt. Die ganze Handlung spielt an einem einzigen Drehort – der Wohnung eines Harvard-Studenten – und basiert auf der Vorlage eines erfolgreichen Bühnenstücks. Die Studenten und Wohnungsgenossen Brandon Shaw und Phillip Morgan ermorden aus sportlichem Ehrgeiz ihren Kommilitonen David Kentley und stecken die Leiche in eine Truhe. Dann veranstalten sie eine Cocktailparty und laden zahlreiche nichts ahnende Gäste ein, zu der auch ihr früherer Professor Rupert Cadell erscheint. Dessen nihilistische Philosophie hatte die beiden zu ihrer Tat veranlasst, und in der nun geführten Diskussion über moralische Werte werden die Anspielungen auf den Mord immer deutlicher…

Patricia Highsmith: Zwei Fremde im Zug (Strangers on a train)

1950 schreibt Patricia Highsmith „Zwei Fremde im Zug“, ihr erster großer Roman und erster Erfolg. Alfred Hitchcock drehte danach einen seiner besten Filme, zu dem Raymond Chandler das Drehbuch schrieb. Die Story: Zwei Fremde im Zug – das sind Guy Haines und Charles Bruno Anthony. Sie sitzen einander während einer langen Zugfahrt gegenüber und kommen ins Gespräch. Sie unterhalten sich über die kleinen Sorgen. Bruno über seinen Vater, den er hasst, Guy über seine Ex-Frau Miriam, die einen anderen hat. Dennoch unterscheidet sich dieses Gespräch von den anderen. Denn Bruno hat einen Einfall, eine fixe Idee. Er schlägt Guy vor: „Sie bringen meinen Alten um, und ich töte ihre Ex-Frau“ – der perfekte Mord: Kein Motiv, denn der einzige Verdächtige hat ein hieb- und stichfestes Alibi. Und niemand wird Guy und Bruno in Zusammenhang bringen, da sie einander nicht kennen können…

Mord nach Plan (Murder by numbers)

Cassie Mayweather (Sandra Bullock) ist Detective in der Mordkommission von San Benito, Kalifornien. Ein eigentümliches Duo macht ihr zu schaffen: Zwei Teenager, die entschieden zu viel Nietzsche gelesen haben, wollen den perfekten Mord begehen. Justin, ein bis zum Hals zugeknöpfter Verlierer, vergeistigt und blassgesichtig, und Richard, sein Gegenpart, ein cooler, privilegierter Bengel, ein schicker Darling. In der Öffentlichkeit verhalten sie sich wie zu erwarten, damit verdecken sie ihren diabolischen Bund. Im stillen Kämmerlein planen sie den perfekten Mord, mit einer Mischung aus Intelligenz und erstaunlichen forensischen Kenntnissen. Sie töten das Opfer und legen falsche Spuren in Form von Haaren und Schuhabdrücken, ziehen somit die Stränge in ihrem mörderischen Komplott und belächeln die Kriminalisten, wie sie den falschen Verdächtigen hinterher jagen. Psychologisch durchaus fundiert, geht es um moralische Grenzen und Gesetzlosigkeit, letztlich um den reichlich perversen Wunsch zweier Menschen, etwas Verbotenes zu tun, ohne dafür bestraft zu werden…

CSI Las Vegas – 3. Staffel, Folge 19: „Bei Anruf Mord“ (A Night at the Movies):

Diese Folge befasst sich das Team um Grissom mit dem Thema Mord ohne Motiv. Während einer Kinovorführung klingelt ununterbrochen ein Handy. Als der Platzanweiser den Störenfried bitten will, sein Telefon auszuschalten, bemerkt er, dass der Mann tot ist. Die Spur führt über diesen Anruf zu einer Verdächtigen. Da der Anruf aber von ihrem Hausanschluss kam, kann sie nicht die Mörderin sein. Wenig später wird sie erhängt am Treppengeländer gefunden. Jemand versucht, die Tat wie einen Selbstmord aussehen zu lassen. Das CSI-Team ermittelt in alle Richtungen und stößt schließlich auf eine Geschichte aus einem Alfred Hitchcock-Film…

Cornelia Haupt befragte den Kölner Experten Dr. Mark Benecke, ob es überhaupt den „perfekten Mord“ gibt?

Mark Benecke, Experte für vertrackte Fälle.
(Foto: Oswald)

Dieser meint: „Klar gibt´s den perfekten Mord, am besten ganz stupide einen Berufs-Killer anheuern und sich ein gutes Alibi suchen, sowie das eigene Tat-Motiv sehr, sehr, sehr gut vertuschen. Klappt allerdings nur, wenn mensch nicht ZU VIELE schlaue Vorbereitungen trifft, weil es sonst doch wieder viele Spuren gibt. Ausführlich beschrieben beim Grossmarkt-Mord in meinem Buch MORD-METHODEN…der Auftraggeber war NACHWEISLICH zur Zeit der Tötung weit vom Tatort entfernt, ist aber wegen Anstiftung trotzdem streng verurteilt worden. Die Ausreden und Vertuschungen dürfen auch nicht kompliziert sein, sonst verstrickt mensch sich sofort im Lügen. Ist also alles nicht so einfach. Und dann ist da ja auch noch Kommissar Zufall.

Zweite Möglichkeit: Besonders alte oder besonders junge Leute umbringen, da ist es für unsereins manchmal schwierig, überhaupt gedanklich auf ein Gewalt-Delikt zu kommen. Typisches Beispiel: Sexualdelikte gegen alte Frauen mit Tötung „gibt’s nicht, wer würde denn sowas machen?“. Tja…gibt’s leider recht oft, zumindest in den USA, wie mir der zuständige FBI-Agent für diese Fall-Gruppe erzählt hat. Generell rate ich vom Morden ab – selbst, wenn mensch nicht erwischt würde (was meiner Meinung nach viel seltener vorkommt, als es neuerdings zu lesen ist), plagen einen doch vermutlich Alpträume.

Kleiner Praxis-Trick: Den sieben Todsünden (vor allem Hass, Neid, Gier, Eitelkeit und Faulheit) so weit wie möglich abschwören, der Rest, nämlich ein friedliches, sinnvolles, frohes, erfülltes Leben, ergibt sich von selbst.“

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Cornelia Haupt ist seit 15 Jahren Berufsdetektivin und Inhaberin der Bluemoon-Detektivagentur. Sie ist außerdem Herausgeberin der Zeitschrift „Der Detektiv“ (www.derdetektiv.at).

Eingestellt von Marcus J. Oswald (Ressort: Cornelia Haupt)

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