Café Blaulicht – Kolumnen und Meinungen

Matthias Morgner über Russen-Häftlinge und Drogen

Posted in Matthias Morgner (Linguist) by cafeblaulicht on 12. November 2008

(Wien, im November 2008) Hier ein Beitrag über russische Häftlinge und ihre Kultur des Überlebens mit Rauschmitteln. Verfasst vom russischsprechenden Gastautor Mag. Matthias Morgner.

Der Autor streift die Themen Cannabis, intravenöse Drogen und berauschenden Tee (Tschifir).

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1. Cannabis – Rundschau im russischen Film

Der traditionelle „Kozjak“ (wr. Ofen) ist eine umgefüllte Belomorkanal-Papyrossa mit zwei Drittel Kartonfilter und einem Drittel Tabak oder „Marichuana“, das beispielsweise in Kasachstan überall neben der Straße wachsen soll. Der Cannabiskonsum ist wie in Europa auch in den postsowjetischen Ländern ein gegenwärtiges Attribut von „jüngeren Subkulturen“ und für viele bis in den Mainstream hinein Alltag. Das Rauchen von Cannabisprodukten wird auch sehr häufig ganz beiläufig in russischen Kino- oder Fernsehfilmen dargestellt.

Der Held im Film „Antikiller“ beispielsweise, ein Ex-KGB-ler, wird aus der „Mentovskaja Zona“, der Besserungskolonie für straffällig gewordene Milizionäre, entlassen, wirft seinen „Großvaterrucksack“ nach dem Schließen des Anstalttors weg, marschiert die Moskva entlang, trifft unter einer Brücke auf einen geparkten schwarzen BMW mit verdunkelten Scheiben: „Zum Rauchen gibt es nicht?“ Ein „Kozjak“ (Ofen) wird auf der Fahrt durch Moskau zwischen den zwei Männern hin und hergereicht, und sie unterhalten sich darüber, wer wo wielange gesessen ist.

Im Film „Vojna“ (deutsch: Krieg) reicht der tschetschenische Warlord dem jungen russischen Gefangenen Ivan, der gerade ein Video von einer Hinrichtung eines Russen durch Kopfabschneiden per Satelit online stellen muss, einen „Kozjak“ und erklärt, dass es bald bis Volgograd keine Russen mehr geben werde. (Ivan wird später zu einer Art russischen jugendlichen Rambo, der alle Geiseln professionell befreit, am Ende aber wegen Mord im russischen Gefängnis landet, weil ein beteiligter Engländer im Zorn den Warlord erschossen, und nicht, wie vorgesehen, als Geisel genommen hatte.)

In „Blokpost“ (engl.: checkpoint) tauschen junge russische Soldaten im tschetschenischen Dorf Granaten gegen Gras und basteln am Heimweg aus einem abgeschlagenen Vodkaflaschenhals und Draht eine Sprengfalle.

2. Intravenöser Drogenkonsum – Häftlinge im Alltag – Georgier

Drogenkonsum ist für die meisten georgischen, aber auch tschetschenischen und weißrussischen (nicht aber moldawischen) Insassen ein Thema, oft das Hauptthema. Der Konsum von Heroin und Kokain sowie der Missbrauch von Medikamenten wie das offenbar billige und sehr verbreitete Substitol ist vor allem für Georgier ein schwer zu bewältigendes Problem. Die meisten jungen Georgier sind keine alten Junkies mit Entzugserfahrungen, sondern beginnen erst in Wien regelmäßig zu spritzen. Der kalte Entzug (russ. lomka, entspricht wörtlich dem deutschen Krachen) überfordert viele junge Männer psychisch, spätestens dann, wenn bei ihnen Hepatitis C und/oder AIDS diagnostiziert wird.

Haftproblem: Süchtige Georgier

Warum fangen in Wien so viele Georgier zum Spritzen an? Was macht für sie den leichten Zugang auf der Straße und die verhältnismäßig billigen Preise so reizvoll (ein Gramm Heroin in Tbilissi kostet 100 US$, hingegen in Wien ein „g’spucktes Substi“ 5-10 Euro)?

Georgier bezeichnen harte Drogen in der Regel als „Medikament“. Egal, ob es um Heroin, Heptadon, Methadon, Substitol, Subotex, Tramal geht. Als Beruhigungsmittel, zuerst im Krieg, dann bei der Polizei, im Rathaus und heute bei Juristen oder Politikern.

Ein junger drogenabhängiger Georgier erzählt, er sei mit 14 oder 15 Jahren in Tbilissi wegen Opiumkonsum angezeigt und vor Gericht gestellt geworden. Dabei soll ihm der Staatsanwalt mit eindeutig verengten Pupillen geraten haben, er solle lieber Heroin nehmen, und nicht das „schmutzige Kuchlopium“. Drogenkonsum, gleich ob harter oder weicher Suchtmittel, ist in Georgien strafbar und die Ahndung von Verstößen gegen die georgischen Suchtmittelgesetzgebung äußerst rigoros, seitdem der georgische Polizeiapparat vom Heroin gesäubert wurde. Heute sollen selbst Hinweise wie ein Besteck oder Veneneinstiche zu langen Haftstrafen führen. Der Zugang zu Heroin wäre in Georgien dementsprechend schwierig geworden.

Ein Georgier sagt im Gefängnis: „Georgier verkaufen keine Drogen. Drogenhandel ist eine schwere Sünde. Die anderen verkaufen Drogen: Aserbaidschaner, Armenier, Griechen oder Russen, hier in Österreicher halt die Neger. Wenn es keine Drogendealer gäbe, wären wir alle nicht drogensüchtig.“

Viele Georgier sind daher der Meinung, nicht sie, sondern die „Neger aus dem Busch“, müssten alle abgeschoben werden. Zum einen wäre die afrikanische Kultur insgesamt primitiv und nicht kompatibel mit der europäischen, zum anderen wären Afrikaner durch ihre Bereitschaft zum Verkauf von verführerischen Drogen einfach nur verdammenswert.

Männerlichkeitsideale

Ein richtiger georgischer Mann konsumiert Alkohol und Drogen, kann aber auch im betrunkenen Zustand Haltung und Maß bewahren. Der selbst kontrollierbare illegale Drogenkonsum gilt in der georgischen Diebeswelt offenbar als eine Art hohe Tugend.

Mitunter fügen sich Jugendliche mit Nähnadeln Einstiche zu und geben dann damit an, schon einmal gespritzt zu haben. Die körperliche Abhängigkeit und das Zeigen-Müssen von Schwäche und Versagen widersprechen diesem georgischen gesellschaftlichen Männlichkeitsideal natürlich eindeutig und dementsprechend groß die Schande und die Furcht vor einer Rückkehr in die Heimat zur Familie. Dazu kommen die Schulden, die gemacht wurden, damit die Reise überhaupt angetreten werden konnte (2.000 Euro). Großfamilien beginnen, ihre Häuser zu verkaufen und auf ihren Sohn im Westen zu vertrauen.

Image aus Bildkultur

Heroin im wahrnehmbaren Ausmaß brachten zunächst Afghanistanveteranen in die sowjetische Gesellschaft. Im sowjetischen Kriminalfilm der 1970er Jahre („Vory v zakone“) werden aber auch kriminelle Georgier in abchaischen Suchumi als „Narkomany“ dargestellt.

Abbildungen von Spritzen wurden auch zeitweise in sowjetischen Gefängnissen in der Tätowierkunst verwendet, gegenwärtig ist das Spinnennetz als Metapher für die Sucht auf der Hand oder am Hals verbreitet. Ältere und langjährige Drogenkonsumenten wie „Afghanen“ und ehemalige Polizei-Offiziere thematisieren deutlich rationaler ihr Drogenproblem in der Hoffnung auf therapeutische Hilfe, später, im Falle einer Ablehnung, oft einfach gar nicht mehr.

Tschetschenen fallen seit einiger Zeit unangenehm am Wiener Karlsplatz und am Schottenring auf. Eine Handvoll drogensüchtiger Tschetschenen befindet sich in Wiener Haft. Einer von ihnen: „Es ist eine Frechheit, uns zu unterstellen, wir hätten Türken oder Jugos oder wem auch immer Drogen verkauft. Wir verkaufen prinzipiell keine Drogen. Wir entreißen sie den Negern und den anderen Dealern zugegebenermaßen, nehmen ihr schmutziges Geld an uns und ihre Telefone, aber nur, weil sie unsere Kinder vergiften und uns selbst vergiftet haben. Aber niemals würden wir selbst Drogen verkaufen. Niemals. Das würde unsere Kultur uns nie verzeihen.“

Deshalb gibt es innerhalb der russischen Kultur auch Probleme im österreichischen Strafvollzug mit problematischen Georgiern, welche nicht mit ihren Landsleuten (etwa in der JA Suben, in der „Ergotherapie“ in der JA Stein) gemeinschaftlich untergebracht werden wollen, dies aber aus unterschiedlichen „moralischen“ Gründen nicht sagen, sondern ihrerseits Einzelaktionen setzen.

3. Der Tschifir – mehr als aromatischer Tee

Vor allem in russischen Gefängnissen und in russischen Quellen wird immer der Tschifir genannt. Tschifir ist aufgebrühter, konzentrierter nichtaromatisierter Schwarztee, der euphorisierende Wirkung hervorrufen soll. Georgier sagen „Tschepir“, ursprünglich die Bezeichnung für einen starken kaukasischen Rotwein. Tee wurde in der Sowjetunion hauptsächlich aus der Georgischen SSR importiert. Heute liegen die kartwelischen Teefelder brach.

Ein Russe, Vitalij Lozovskij, schreibt (Beschreibung aus einer russischen Quelle entnommen und aktuell übersetzt vom Gastautor, Anm B&G) unter dem Titel: „Wie im Gefängnis überleben und die Zeit mit Nutzen verbringen“ – zum „Tschifir“:

„Es wird keine Übertreibung sein zu sagen, dass sich im Gefängnis alles um den Tee dreht. Selbst wenn es in der „Chata“ eine volle Schale gibt, aber keinen Tee, wird dieser Zustand trotzdem ein „Nackter“ („голяк“) genannt. Nach Jahren im Gefängnis gewöhnen sich einige so an den Tschifir, dass sie ihn auch weiter in Freiheit trinken. Bei einem abrupten Versorgungsabbruch ist der Tschifirist so in der „Lomka“ (im „Krachen“), dass er bereit ist, alles für eine Prise der wunderbaren Blätterchen herzugeben. Ohne Tee gibt es keine echte Unterhaltung. Alle wichtigen Fragen werden mit dem in der Runde gehenden Häferl entschieden. Im Kreis hockende Männer mit einem Häferl Tschifir – ein symbolisches Bild für das Gefängnis.“

Besondere Geheimnisse in der Herstellung eines Tschifirs gibt es im Übrigen nicht. Das Hauptgeheimnis liegt in der optimalen Dosis des Suds.

Konzentration für „Freude“ wichtig

Bei einer unzureichenden Konzentration fahrt er nicht, auch wenn man viel trinkt, bei zuviel kommt ein „Teer“ heraus, der halt getrunken wird, aber bereits ohne der zu erwartenden Freude. Ein solcher Teer wirkt sehr abrupt und kann Darmkrämpfe auslösen. Ja, manchmal ist es überhaupt unmöglich, das Zeug zu trinken. Eine richtige Dosierung stellt sich über „Try and Error“ ein, und hängt auch von der Teesorte ab. Die gewöhnliche Dosis für eine Person beträgt eineinhalb „Schifferl“, gehäufte Zündholzschachteln. Für kleinblättrigen Tee. Großblättrigen Tee braucht man mehr, oder er wird gebrochen und zerbröselt. Für den Tschifir wird schwarzer Tee verwendet, obwohl es bei Schwarzteemangel auch mit grünen Tee geht, von dem dann etwas mehr genommen wird.

Klassiker ist georgischer Tee, wobei das wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass es zu früheren Zeiten in den Gefängnissen einfach keinen anderen gab. Zudem ist er nicht teuer, was bei einem solchen Ausmaß der Verwendung auch eine Rolle spielt. Georgischer Tee ist in der Regel genug „giftig“. Dies gilt nicht für viele moderne billige Tees in schönen Schachteln. Aus teureren Tees wird aber auch selten Tschifir zubereitet, höchstens, wenn es keinen billigen Tee gibt, eine eher hypothetische Situation, oder um groß aufzuwarten, etwa anlässlich eines Geburtstages. Aber, umso mehr Aromastoffe, desto abscheulicher wird der Tschifir, der auch so schon nicht leicht zu trinken ist.

Tee-Rezept

Wenn das Wasser zu kochen anfängt, wird über die gesamte Oberfläche Tee gestreut, alles zugedeckt und auf keinem Fall umgerührt, der Tee muss ziehen. Ungefähr zehn Minuten Wartezeit. Wenn die Blätter zu Boden sinken ist der Tschifir fertig. Man sagt, der Tee ist „umgefallen“ (упал). Dann wird er abgeseiht, am besten durch ein Sieb, ein Ding, das als besonders gehortetes und kultiges Teil gilt. Der Tschifir kann noch zusätzlich ein, zwei Mal aufgeheizt (aber keinesfalls aufgekocht) werden, damit sich der Sud noch etwas verteilt. Gewöhnlich wird das auf der Flamme gemacht, ein Wasserkocher eignet sich dazu nicht. Im Wasserkocher bekommt der Tschifir einen unangenehmen Beigeschmack. Mit einem Tauchsieder ist es unmöglich, da wird er „gesprengt“. Aber wenn kein Feuer gemacht werden kann und es keinen Wasserkocher gibt, muss halt der Geschmack zugunsten der Stärke geopfert werden. Ein nochmals aufgeheizter Tschifir gilt als besser, wegen der komplizierten Prozedur wird er aber selten gemacht. Entweder, es gibt wenig Tee, oder auch Muße oder einfach kein „Feuerholz“.

Der Tschifir wird heiß getrunken. Aus dem Topf wird etwas in das Häferl geschüttet und im Kreis herumgereicht, bei Bedarf mit heißem Wasser aufgegossen. Wenn der Kreis groß ist, machen zwei, drei Häferln die Runde. Selten kommt es vor, dass in eigenes Geschirr gegossen wird. Entweder ist wer gerade sehr beschäftigt und kann nicht kommen, bewacht den Weg, das Feuer, oder hat eine ansteckende Krankheit. Sonst trinken alle aus einem Gefäß, streng zwei Schluck. So die Sitte. Einer der ersten Tests für Neue. Es wird gesagt, dass nur „Petuchi“ („Hähne“, erniedrigte, unterste Kaste der russischen Häftlinge) drei Schluck trinken, was Unwissende in Verlegenheit bringt. Als wir allerdings in Voroneš eine Etappe aus dem Ural trafen, erzählten die uns, dass bei ihnen drei Schluck üblich wären, was zu vielen Scherzen führte. Wir einigten uns auf zwei Schluck. Es ist wichtig, dass es keine Konflikte gibt. Alle sollen die gleiche Schluckmenge trinken. Es wird auch gescherzt, dass der Tschifir deshalb heiß getrunken wird, damit nicht irgendein Gieriger mehr trinkt, sondern alle gleich viel bekommen.

Auf hungrigen Magen trinken

Tschifir wird unbedingt auf hungrigen Magen getrunken. Essen und Tschifir passen nicht zusammen. Ein echter Tschifirist, der die Idee und den Sinn des Tees versteht, trinkt niemals Tschifir nach dem Essen. Dies unterscheidet den wahren und „richtigen“ Tschifirist von den „Tschifirasten“, die sich mit vollem Bauch in den Kreis setzen oder ein Konfekt dazu essen und „wie der Tschifir fahrt“ nur vorspielen. Für einen vollen Effekt darf man erst nach zwanzig Minuten oder besser nach einer Stunde essen, sonst kommt außer chronischer Verstopfung nichts dabei heraus.

Zuckerfrei

Zucker ist kategorisch verboten. Zucker im Tschefir beschleunigt aus irgendwelchen Gründen die Wirkung des Tees und ruft eine starke Beschleunigung des Pulses hervor, höheren Blutdruck, Kopfschmerzen. Der gezuckerte Tee fährt sehr schnell, ruft aber gewöhnlich ein ungutes Gefühl hervor, mitunter Todesangst wegen Herzrasen und ziehenden Herzschmerzen. Nur Selbstmörder nehmen den Tschifir mit Zucker. Das Leben dieserart zu beenden ist nur mit einem sehr schwachen Herz möglich, mit eingebildeten Krankheiten und einer sehr großen Konzentration Tee, und dann auch nicht nur mit einem Mal. Eine ziemlich qualvolle Methode.

Die Wirkung stellt sich bereits vor Ende des Rituals ein, erreicht nach zehn, fünfzehn Minuten ihren Höhepunkt und kann einige Stunden anhalten. Der Zustand ist individuell unterschiedlich. Allgemein wird er als anregend, aktivierend, energiespendend und bewusstseinserweiternd charakterisiert, eher wie Mariuhana und weniger wie Alkohol. Es wird gescherzt, dass ein Insasse auf Tschifir einen acht Meter hohen Zaun überspringen könne. Wenn die Wirkung nachlässt, stellt sich das Gegenteil ein: Niedergeschlagenheit, Schläfrigkeit, Reizbarkeit. Eine neue Dosis bringt die Freude am Sein wieder zurück.

Ein langer Konsum kann aber eine entsprechende Abhängigkeit hervorrufen, die sich bei Entzug vor allem durch starke schmerzhafte Hungerkrämpfe und Depressionen bemerkbar macht. Eine kleine Menge Tee reicht gewöhnlich aus, den Normalzustand wieder herzustellen. Die Tabletten „Citramon“ helfen auch, da sie koffeinhaltig sind. Erfahrene Tschifiristen versuchen, diese für einen beliebigen Preis zu bekommen und verstecken sie für schwarze Tage. Wenn es absolut unmöglich ist, Tschifir zuzubereiten, wird Tee gekaut, etwa in Wartezellen, am Transport, wenn es kein Wasser gibt.

Zweimal am Tag Tee

Gewöhnlich wird zweimal am Tag getrunken. Dreimal ist Luxus. Eine allzu große Häufigkeit führt häufig zur Überdosierung mit Bauchkrämpfen, Hungerschmerzen, Brechreiz, Apathie oder Überreizung. Der Sud wird nochmals verwendet, für Tee mit Zucker und Süßigkeiten oder Mehlspeisen, wie er in Freiheit auch getrunken wird.

(Text, Recherche, Übersetzung: Mag. Matthias Morgner)

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Mag. Matthias Morgner lebt in Wien und ist Mitarbeiter der österreichischen Justiz als Dolmetsch für Georgisch und Russisch. Dieser Text ist ein Auszug aus einem längeren Text. Morgner betreut seit einigen Jahren georgische Häftlinge (konstant 120 Personen, also 10 Prozent des Wiener Häftlingsbelags) mit Übersetzungsarbeit in der größten Justizanstalt Österreichs. Daneben beschäftigt er sich mit alter Geschichte und Kultur Georgiens und den neuen russischen Staaten. Email: M.Morgner@gmx.at oder matthias.morgner@justiz.gv.at.

(Editiert von Marcus J. Oswald in Ressorts: Matthias Morgner)

Matthias Morgner über russische Gefängnisse: Kultur der Korruption

Posted in Matthias Morgner (Linguist) by cafeblaulicht on 16. Mai 2006

Russland hat eine alte Tradition des Einsperrens und eine alte Kultur der Gefängnisse. (Foto: Archiv Morgner)

Gastautor Matthias Morgner gibt in diesem Artikel einen Aufriss wie die sowjetische Korruption entstand, nämlich in den Gefängnissen. Wie die Unterscheidung in „Staatsfeinde“ und „gute Diebe“ gemacht wurde. Wie sich historisch das sowjetische System, das Eigentum ablehnte und damit scheiterte, in den Lagern (GULags) entwickelte und eine Kultur der Bevorzugung der Kriminellen und der Benachteiligung der Regimekritiker hervorbrachte. Erst Anfang der 1960er Jahre kam ein neues Gefängnisgesetz, das vieles änderte. (mjo)

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(Wien, im Mai 2006) Das russische Internet, das so genannte „Ru-net“, ist reich an Fotos und Texten zum russischen Strafvollzug und zur Gefangenensubkultur. In österreichischen Gefängnissen sind vor allem Personen aus Georgien breit vertreten.

Im gesicherten Material waren allerdings in keiner russischen oder deutschen Ressource Hinweise auf Georgier in österreichischen Gefängnissen zu finden.

„Klassenbewusste“ Kriminelle gegen „Volksfeinde“

In Russland begannen im Jahre 1929 die ersten Massenrepressionen gegen vermeintliche politische Gegner des stalinistischen Regimes. Während des „Großen Aufbaus“ in den 1940er und 1950er Jahren stieg die Zahl der politischen Häftlinge in den Gefängnissen und Lagern auf ein Millionenausmaß an.

Ganze Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichsten Lebensanschauungen, Interessen und Fähigkeiten wurden im sowjetischen GULag-System erfasst und über das Land verteilt. Der Großteil dieser als „Volksfeinde“ geltenden Menschen war auf ein Leben in Haft moralisch und psychisch völlig unvorbereitet und deshalb kaum in der Lage, kollektiv Widerstand zu leisten. Dennoch fürchtete die Staatliche Politische Sonderverwaltung OGPU, ein Vorläufer des späteren KGB, Lageraufstände durch politische Gefangene und begann, mit professionellen, in der kriminellen Welt besonderes Ansehen genießenden Verbrechern zu kooperieren.

Autoritäten.
(Foto: Archiv Morgner)

Gefängnisautoritäten – Sozialisiert im Gefängnis

Die Ursprünge dieser später „Diebe im Gesetz“ (vory v zakone) genannten kriminellen Autoritäten liegen in der Welt der Diebe des 18. Jahrhunderts und in den Moskauer Gilden der Bettler und Taschendiebe im 19. Jahrhundert. Nach dem bolschewistischen Staatsstreich von 1917 kam es zu einer ersten Annäherung zwischen der Welt der Politik und „klassenbewussten“ oder „sozial nahe stehenden“ Kriminellen, da Bolschewisten und Kleinkriminelle beide dieselbe Verachtung für das Eigentum hegten. Außerdem würde nach sowjetischer Doktrin mit dem Aufbau des Kommunismus die Kriminalität von selbst verschwinden.

Per Dekret wurde 1931 eine entsprechende Strategie für die operative Arbeit mit den „kriminellen Autoritäten“ ausgearbeitet, die den Einsatz Krimineller im Kampf gegen die „Volksfeinde“ vorsah. Direkte Kontakte zwischen den staatlichen Institutionen und den „kriminellen Autoritäten“ gab es aber kaum. Es wurde lediglich ein Umfeld geschaffen, in dem die Bildung einer von den „kriminellen Autoritäten“ beherrschten Ordnung begünstigt wurde. Die Lageradministrationen waren angewiesen, die „kriminellen Autoritäten“ mit allen Mitteln zu fördern, ihnen freie Hand im Lager zu lassen und gewisse Privilegien zu gewähren. So waren sie von jeder Form der Arbeit befreit und durften sich auf dem Lagergelände frei bewegen.

Zudem bekamen sie im Vergleich zu politischen Gefangenen deutlich geringere Haftstrafen. Einzige Bedingung für die kriminelle Gefängnis- und Lagerelite war, sich nicht in wirtschaftliche und vor allem politische Prozesse des Landes einzumischen.

Damit wurde de facto eine klare Klassenunterteilung der Gefangenen in „gewöhnliche Verbrecher“ (bytoviki) und „Volksfeinde“ geschaffen. Die „kriminellen Autoritäten“ nannten sich nun „Diebe im Gesetz“ und nahmen an Zahl sukzessive zu. Durch die offizielle Unterstützung krimineller Gefangener im GULag-System verstärkte sich der Druck auf nichtkriminelle Insassen und sollte schließlich zu einer rapiden Zunahme und Konsolidierung der Kriminalität in den Lagern und in der Sowjetunion führen.

Jesus spielt eine Rolle in der Gefängniskultur.
(Foto: Archiv Morgner/Wien)

1948: Der „hündische Krieg“

Nach der Vernichtung der „Volksfeinde“ versuchten die staatlichen Institutionen, das professionelle Verbrechen wieder in den Griff zu bekommen. Angesichts des wachsenden organisatorischen Potentials der „Diebeswelt“ und der Existenz von unabhängigen und schwer kontrollierbaren Strukturen wurde der sowjetischen Kriminalität öffentlich der Krieg erklärt. Zunächst wurde 1947 das Strafausmaß für Diebstahl empfindlich erhöht, im Jahr 1948 schließlich die große Selbstzerstörung der Diebeswelt eingeleitet, bekannt als der „Hündische Krieg“ (su?naja vojna).

Dieser „Krieg“ war eine gut geplante staatliche Aktion. Geschickt wurde der seit Ende des Zweiten Weltkriegs bestehenden Konflikt zwischen orthodoxen, allen Vorschriften des „Gesetzes“ konsequent verfolgenden Dieben und reformatorischen, aus der Roten Armee heimkehrenden „verräterischen“ Dieben (den „Hündinnen“, suki) verschärft. Später griffen die Lagerverwaltungen mit Misshandlungen und Hinrichtungen von auf dem „wahren“ Gesetz beharrenden Dieben ein und beförderten die „Hündinnen“ demonstrativ auf von der Lageradministration abhängige Posten.

Schließlich zogen einfache Gefangene gegen die Diebe los und vertrieben sie aus den Wohnzonen oder zwangen sie zu für sie unwürdigen Tätigkeiten wie Stubendienst und anderem, was automatisch den Ausschluss aus der „Diebeswelt“ bedeutete. „Rückfällige“ Diebe wurde von der Lagerleitung genötigt, schriftlich und öffentlich allen Diebesideen abzuschwören und in alternativer Gefängnishaft ihr Strafende abzuwarten.

Klassengesellschaft in russischen Lagern – Staatsfeinde und gute Diebe

Zunächst lösten sich viele Diebesgruppierungen auf, und nur ein Viertel der „Diebe“ konnte ihren Status bewahren. Langfristig brachten die Maßnahmen jedoch keinen Erfolg, im Gegenteil: Einige „Diebe im Gesetz“ demonstrierten nun ihre Macht und bedrohten durch Unruhen und Aufstände die Stabilität und Sicherheit in einzelnen Lagern. Mit dem Tod Stalins 1953 setzten zudem landesweite Amnestien, Rehabilitierungen, Verurteilungen besonders grausamer Lagerakteure aus der jüngsten Vergangenheit, Aufstände und die Formierungen unabhängiger Lagerverwaltungen ein. Mit dem einstigen Glanz und Ruhm der Diebeswelt war es vorerst vorbei, aber die Kriminalität unter den Insassen nahm rasant zu, woran vor allem „kaputte“ Diebe auffällig hohen Anteil hatten.

Die Amnestiewelle von 1953 bewirkte zudem die Ausbreitung vieler „Diebe“ auf dem Gebiet der Sowjetunion. Zunächst wurden sie in den Hafenstädten Rostov-am-Don und in Odessa aktiv, wo sie von der Polizei als Informanten für die schwer kontrollierbaren Ströme von Migranten angeworben wurden.

Entlassene Gefangene oft als Polizeispitzel tätig. (Foto: Archiv Morgner)

Letztendlich war der Staat gezwungen, wieder mit den „Dieben im Gesetz“ in den Strafanstalten zu kooperieren. Diese forderten und bekamen einen noch größeren Aktionsspielraum in den Lagern und konnten erstmals auch Kontakte zur Außenwelt aufnehmen. Die Lager und Gefängnisse entwickelten sich schließlich zu einer Art Schaltzentrale des sowjetischen Verbrechens, das sich langsam aber sicher über das gesamte Land ausbreitete.

Geduldete Verbrechen: Schmuggel und Erpressung

Zu den wichtigsten Einnahmequellen des teilweise aus den Gefängnissen heraus organisierten sowjetischen Verbrechens zählten Schmuggel von Edelmetallen und Kunstgegenständen, Erpressung von Unternehmern im Untergrund (private Wirtschaftstätigkeit war in der UdSSR gesetzlich verboten), Rauschgifthandel und verstärkt der Raub von industriellen Gütern aus Staatsbetrieben.

Mit der Zeit kooperierten die kriminellen Strukturen direkt mit den Direktoren der Staatsbetriebe, die sich auf diese Weise ungestraft bereichern konnten. In der Breschnev-Ära sollten sich diese illegalen Strukturen weiter verfestigten.

Die Strafvollzugsreform von 1961

Im stalinistischen GULag-System und in den 1950er Jahren war der Strafvollzug hauptsächlich wirtschaftlich auf die Realisierung großer Bauprojekte mit möglichst großen Arbeitskräftekontingenten und geringem Personalaufwand ausgerichtet. Während im Inneren der Lager die Disziplin durch die Instrumentalisierung der ursprünglich kleinen kriminellen Elite gegen die große Masse der Verurteilten gesichert wurde, und die prekäre Versorgungslage der Arbeitslager das ihrige zu einer Selektion und Unterwerfung der Gefangenen beitrug, änderte sich das sowjetische Strafvollzugssystem Anfang der 1960er Jahre grundlegend.

Zuvor hatte sich während des sowjetischen „Tauwetters“ in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre die Atmosphäre nach der Entmachtung bzw. Entlassung der „Diebe im Gesetz“ in den Gefängnissen und Lagern der Sowjetunion deutlich entspannt. Insassen wurde nun Geld ausbezahlt, welches sie in Büffets und Geschäften ausgeben konnten. Ein zur Arbeit stimulierendes und gleichzeitig selbstdisziplinierendes Anrechnungssystem auf das Strafausmaß wurde eingeführt. Bei Übererfüllung der Arbeitsnorm konnten sich Insassen für einen guten Arbeitstag zwei oder drei Tage Haft anrechnen lassen, wodurch die Mehrheit mit der Perspektive auf eine vorzeitige Entlassung sämtlichen Regelverstößen oder Konflikten mit der Administration auszuweichen versuchte.

Verzahntes System der Kriminalität in alter Sowjetunion. (Foto: Archiv Morgner)

KPdSU in 60er Jahren – Keine Kampagnen gegen Kriminalität

Im neuen Parteiprogramm der KPdSU wurde nun zu Beginn der 1960er Jahre auf massenwirksame Kampagnen für einen „verstärkten Kampf gegen das Verbrechen verzichtet“ und dafür verstärkt betont, dass der Aufbau des Kommunismus automatisch ein Verschwinden der Kriminalität bewirken würde. Chruscev versprach in einer Rede sogar, er würde dem letzten Gefangenen beim Verlassen des Gefängnisses persönlich die Hand schütteln. Erreicht sollte dieses Ziel werden mit dem Leitspruch: „Kriminelle sollen die Verachtung der Gesellschaft spüren!“

Eine Zeitzeugin berichtet, wie dies vor sich ging: „1959 kam ich in die Zone… Wir waren etwa 150 Leute und arbeiteten überall in der Ortschaft außerhalb der Zone. Ich hatte eine 24h Ausgangskarte, sodass ich in der Arbeit übernachten durfte, wenn es notwendig war. Ich habe als Kindermädchen gearbeitet… Gearbeitet haben wir nicht für Talons, sondern für Geld. Im Geschäft gab es alles, von der Oberbekleidung bis zur Bettwäsche. Männer kamen zu uns zu Gast, wir zu ihnen. Anfang 1961, als sich das Regime änderte, wurden wir alle eingesperrt. Uns wurden die Ausgangskarten weggenommen, Anstaltskleidung angeordnet … Geld wurde uns auch keines mehr gegeben, alles wurde uns abgenommen, Wertsachen eingesammelt, ein Regime eingeführt… Nun mussten wir uns mit der Administration auseinandersetzen. Wie heute auch gab es dann Abteilungsleiter und einen Kolonieleiter. Da haben wir dann nur noch in der Zone gearbeitet…“

1961 – Umbenennung der Lager in „Anstalten“ und „Kolonien“

Zunächst wurden mit der Strafvollzugsreform von 1961 die Lager in „Anstalten“ der „Kolonien“ umbenannt und eine verschärfte Strafvollzugsgesetzgebung eingeführt. In allen Lebensbereichen des Gefangenen wurden umfassende Reglementierungen festgelegt, Normen zur Beschränkung von Briefverkehr, Paketsendungen und Besuchen von Angehörigen bis zur Auswahl der Lebensmittel. Das Arbeitsanrechnungssystem wurde durch eine vorzeitige bedingte Entlassung ersetzt, die allein von der Administration und nicht mehr von der Leistung des Gefangenen abhing.

Neue Kategorien des russischen Strafvollzuges

Der Strafvollzug wurde neu kategorisiert. Ersttäter kamen in Kolonien „allgemeinen Regimes“, während Wiederholungstäter und Schwerverbrecher einem „strengen“ oder „besonderen Regime“ unterlagen. Vor allem im ausgegliederten Jugendstrafvollzug und in den Anstalten „allgemeinen Regimes“ sollten sich in dem formal als lockerer geltenden Vollzug besonders brutale Hackordnungen herausbilden.

Die Reform von 1961 bedeutete einen Rückschritt zu alten Lagerverwaltungsmodellen, in denen in erster Linie die Einhaltung der staatlichen Gesetzlichkeit durch ein strenges Haftregime und ein hartes Bestrafungssystem vorgesehen war. Ein „Operativer Dienst“ der Strafvollzugsverwaltung mit einem Stand von 2 bis 5 % Agenten, Informanten und Provokateuren unter den Insassen versuchte, die innere Kontrolle des Lagerlebens zu übernehmen, gleichzeitig wurde ein Gefangenenselbstverwaltungssystem eingeführt. Insassen konnten nun neu geschaffene Verwaltungsfunktionen wie „Brigadier“, „Abteilungsältester“ und „Stubenältester“ besetzen, und einen Teil der Vollmachten des Lagerpersonals zugewiesen bekommen.

Die „Selbstverwaltung“ weitete sich sukzessive aus, übernahm Aufgaben der „politischen Umerziehung“ und sogar Wachfunktionen. Bald jedoch sorgte die Einrichtung so genannter „Sektionen“, quasi-ehrenamtlicher Gefangenenorganisationen mit Mitgliedschaft, für ein Ende des Gefangenenselbstverwaltungssystems im eigentlichen Sinn. Ein Gefangener, der ein Aufnahmegesuch an die „Organisation“ einreichte, war nun kein nur vorübergehender Mitarbeiter mit eingeschränkten Funktionen und Verantwortungen mehr, sondern wurde zu einem fixen und vielseitig einsetzbaren Gehilfen der Administration.

Besserung schwer in Sicht. (Foto: Archiv Morgner)

Der Insasse war jetzt verpflichtet, für Ordnung zu sorgen und Berichte über Verstöße anderer Gefangener zu liefern. Die nominelle Teilnahme in den Organisationen war zudem Voraussetzung für die Klassifizierung eines Insassen als „fest auf dem Weg der Besserung stehend“ und für damit verbundene Aussichten auf eine vorzeitige Entlassung.

„Am Weg der Besserung Stehender“

Es gab Listen mit Funktionen für „am Weg der Besserung Stehende“, und es entwickelte sich eine Art Nomenklatur mit entsprechenden Vermerken in Personalakten und (von kriminellen Strukturen unabhängige) Lagerkarrieren. Allerdings wollte trotz massiven psychischen und physischen Drucks seitens der Anstaltsadministration kaum ein Insasse Mitglied dieser „Sektionen“ werden. Bis in die 1970er Jahre hinein gelang es nicht, in allen russischen Kolonien „Selbstverwaltungsorgane“ zu bilden. Die „am Weg der Besserung Stehenden“ wurden von den Gefangenen isoliert und als „Rote“ oder „Ziegenböcke“ (kozly) einer neuen prestigelosen Kaste der Gefangenenwelt zugeordnet.

Insassen, denen „Widerstand gegen die Administration“ oder die „Entziehung von gesellschaftlich nützlicher Arbeit“ vorgeworfen, oder von Informanten des Operativen Dienstes wegen Zugehörigkeit zur „Diebeswelt“ angezeigt wurden, galten per Vermerk als „negativ verfasste Verurteilte“. Diese „negativ Verfassten“ wurden von den übrigen isoliert und in spezielle Gefängnisse überstellt.

Korruption oder: Die Unkultur der kahlen Felder

Der Kampf der Sowjetunion gegen die „Diebe im Gesetz“ erinnert an den Kampf der Chinesen mit den in China zu einer Plage gewordenen Spatzen, die oft die gesamte Saat von den Feldern fraßen. Die landesweite Aktion zur Vernichtung dieser Vögel brachte das ökologische Gleichgewicht derart durcheinander, dass in der Folge eine Flut von Insekten über die chinesischen Felder herfiel. Nur wenige Jahre nach der Strafvollzugsreform von 1961 begannen die „Diebe im Gesetz“ wieder eine Rolle zu spielen, bis sie in den 80er Jahren in der sowjetischen Öffentlichkeit als gesellschaftliches Phänomen breit diskutiert wurden.

Offenbar beschleunigte die Forderung, „auf dem Weg der Besserung zu stehen“ die Wiederbelebung des „Diebesgesetzes“, das nun als „Gefängnisgesetz“ (tjuremnij zakon) bezeichnet wurde und immer mehr Anhänger fand. Der von der Administration angebotene „Weg der Besserung“ wäre von vielen Gefangenen vor allem deshalb abgelehnt worden, weil ihnen eine Besserung mittels Verrat an Mitinsassen nicht nur unlogisch erschien, sondern als moralisch zutiefst verwerflich und ungerecht.

Ungeschriebene Gesetze – starke Milieukultur

Da aber die sowjetische Gefängnisadministration keinen alternativen „Weg der Besserung“ vorschlagen konnte, griffen die Insassen auf eigene Traditionen und alte Werte der Gefangenenwelt zurück und schufen neue Kasten (masti), Ordnungen und Statussysteme. Wie im „Diebesgesetz“ ist auch im ungeschriebenen „Gefängnisgesetz“ jede Art von Zuträgerei, Diebstahl unter Gleichen, haltlose Beschuldigungen und jede Art der Beleidigung verboten. Umgesetzt wird das „Gesetz“ entweder durch Auseinandersetzungen (razbojka), oder durch die Anrufung von kriminellen „Autoritäten“.

Während im alten „Diebesgesetz“ Verletzungen eines Prinzips auch durch Morde vergolten wurden, sah das neuere „Gefängnisgesetz“ zunehmend die so genannte „Herabsenkung“ von Insassen in den Status eines passiven Sexualobjekts vor. Durch das Ritual der „Herabsenkung“ erfolgte für den Betroffenen der Eintritt in die neu gebildete unterste Kaste der Gefangenen, der „Hähne“ (petuchi).

Eingestellt von Marcus J. Oswald (Ressort: Matthias Morgner)

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Mag. Matthias Morgner lebt in Wien, ist Russischdolemetsch und Mitarbeiter der Österreichischen Justiz. Er will auf dieser Seite über russische Gefängniskultur und über die Situation der russischen Subkultur in österreichischen Gefängnissen schreiben. Interessierte erreichen ihn unter dieser Webseite oder unter matthias.morgner@justiz.gv.at

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