Café Blaulicht – Kolumnen und Meinungen

Brief an Stummer – Meine Spalte – Kolumne in Augustin (2003)

Posted in Marcus J. Oswald (Revisor) by cafeblaulicht on 22. September 2010

Alter Brief: Mai 2003. (Foto: Archiv Oswald 1090)

(Wien, im September 2010) Der Herausgeber dieses Journals kramt gelegentlich in alten Kisten und findet Schriftstücke. Dieser Tage fiel ihm eines aus dem Mai 2003 in die Hände. Es ist ein vorbereitendes Papier und Brief an den Häftling Ernst Walter Stummer, der zum Zeitpunkt in der JA Wien-Simmering saß. Der Brief umreisst den Plan für eine Kolumne, die der Häftling schreiben sollte und gibt die Themen vor. Vorgängig war ein Brief an den „Augustin“, ob die Zeitschrift eine solche Kolumne überhaupt will. Der Zeitschrift wurde ein Themenpool vorgeschlagen, den der Kolumnist abhandeln wird und ein Zeitplan. Als die Zustimmung kam, wurde Stummer in die Haft geschrieben, was er zu schreiben hat. Die Themen entwickelte Oswald und Stummer sollte sie ausführen. Vorläufiger Kolumnentitel lautete „Meine Spalte“, später war der tatsächliche Titel dann: „Am Schmalz“.

Stummer saß von Jänner 2002 bis Jänner 2004 in Haft und die Kolumne begann im Frühjahr 2003. Er schrieb sie in Simmering, schickte sie per Post in den neunten Bezirk zu Herrn Oswald. Der tippte ein Jahr lang die 2.000 Zeichen in den Computer und mailte es an den „Augustin“. Die Kolumne erschien immer und pünktlich. Nach der Haft ab Jänner 2004 lief sie noch ein paar Mal weiter und wurde auf Grund von inhaltlichen Schwächen vom „Augustin“ eingestellt. Hier der Ursprungsbrief an Stummer von Oswald, wie alles begann. Es war im ersten Jahrzehnt des Dritten Jahrtausends die einzige ständige Haftkolumne in österreichischen Zeitungen, die es je gab.

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Ernst Walter Stummer
Kaiserebersdorfer Straße 297
1110 Wien
Wien, 28.05.2003

AUGUSTIN – SPALTE – 2.000 Zeichen – alle zwei Wochen

Sehr geehrter Herr Stummer!

Ich habe beim AUGUSTIN vorgefühlt und sie stehen dem Projekt einer Rubrik zu exakt 2.000 Zeichen positiv gegenüber. Vorweg: Geld ist damit nicht viel zu verdienen. Die Straßenzeitung AUGUSTIN bekommt keine Subvention, hat kaum Anzeigen, ist ein Sozialprojekt, das sich nur aus dem Straßenverkauf finanziert. Aber: Das Blatt ist professionell gemacht, hat gute, brisante Geschichten und – vor allem – eine zweiwöchentliche Auflage von 30.000. Wichtig ist die Öffentlichkeit, die man damit regelmäßig erreicht.

Ich vereinbarte folgendes:

1. Eine AUGUSTIN-Spalte. Bitte behandeln Sie in Ihren Kolumnen Ihre EU-Rechtssache nicht, da ich das noch ausführen möchte. Sonst aber haben Sie in der Kolumne alle Freiheiten für sprühenden Witz und genaue Beobachtungen und böse Einschätzungen. Kritisch, politisch, mit Biss.

2. Die Kolumne läuft bis 29.01.2004. Also bis zu Ihrer Enthaftung. Sie erscheint – wenn geht – im Zwei-Wochen-Takt.

3. Sie wissen, dass Sie während der Haft nichts dazuverdienen können. Der AUGUSTIN zahlt auch pro Kolumne nur wenig. Was immer herauskommt: Ich verwalte das Geld für Sie und übergebe es Ihnen nach Ihrer Enthaftung. Da es über 15 Kolumnen werden, sind das etwa ATS 5.000.

4. Der AUGUSTIN will reine „Häfengeschichten“. Also nichts über ihre Fälle, ihre Sexprojekte, Zeitschriftenpläne und sonstiges. Sondern: Innenberichte, was am Strafvollzug schlecht, gut oder besser wurde. Aufgesplittet in vielen Unterthemen. 2.000 Zeichen sind sehr wenig. Da heißt es: Kurz fassen und pointiert bleiben. Ich habe eine paar Themen rasch aufnotiert. Erweitern Sie die Liste und arbeiten Sie sie ab.

5. Die Kolumne wird schlicht „AM SCHMALZ“ heißen. Mein Wunsch wäre: Sie sind mit einem Bildausschnitt am Kolumnenkopf (Bild mit Sonnenbrille) vertreten und mit der ausleitenden Abschiedsformel „Ihr Einbrecherkönig“. Namentlich führen wir sie nicht an, da das medienrechtlich und vollzugsrechtlich (Status: Häftling) problematisch ist. Aber: Wer die Vorberichte gelesen hat (mein Portrait), weiß ohnehin, wer das schreibt.

Die Themen:

1. Warum Sitzen?
Sinnhaftigkeit von Strafvollzug. Auflösung der Gefängnisse? Früher Arbeitshäuser, heute auch noch?

2. Sex im Häfn
Schwarteln, Sexheftln, verbotene Früchte. Wie oft schwarteln junge, wie oft alte Insassen, etc. Themenkreis: Wenn die Phantasie Flügel bekommt!

3. Ehen im Häfn
Wie lange halten sie? Wo ist das Problem? Problem Besucherzone, etc.

4. Bedingte Entlassung Heute
Und früher. Kommt sie oft zum Einsatz? Kommt Sie zu wenig zum Einsatz (derzeit: 18%). Eine Reform ist geplant. Was erwartet sich der Betroffene von der „Bedingten“? Wer verdient sie? Wer – Ihres Erachtens – nicht. Ihre Meinung!

5. Moderne Anstalten – Luxus?
Anstalten früher und Heute (70er, 80er Jahre – versus Heute: Computer, Telefonmöglichkeit, Handies). Sie erwähnten einmal in einem Brief, dass sie 1979 nicht einmal einen Radio bewilligt bekamen. Heute gibt’s das nicht mehr, oder?

6. Briefzensur – oder gar nicht?
Gibt es die „Zeilenzensur“ noch, oder hat sich das aufgehört? Wie sah die „Zensur“ früher aus (Stein, Garsten)? Wurden damals Zeitungen abgelehnt, wenn ja, welche, um Information zurückzuhalten? Wurden Artikel ausgeschnitten? Sexhefte frühe und heute. Kassiberschmuggel, etc. Ein Stimmungsbericht.

7. Die Kas, die Käsin – Gute und schlechte
Was zeichnet den guten Kas aus? Gibt es noch schlechte? Was sagen männliche Insassen zu den vermehrt auftretenden weiblichen Kas (=Käsin)? Sind sie beliebt? Wenn ja, warum? In Sonnberg gibt es fesche Käsinnen (das merkte ich kürzlich bei einem Besuch). In Stein auch. In Simmering? Also Herr Stummer: Ein aufgelegtes Thema für Sie!

8. Entspannung: Gefängnistheater in Simmering
Ein Probenbericht. (Vielleicht kann ich einen „Probenbericht“ sogar ausführlicher – außerhalb der Kolumne – unterbringen. Aber nur, wenn Sie mir etwas Brauchbares schicken – mehrere Berichte zur Entstehung der Theateraufführung. Ein Stück. Dann geht vielleicht ein Extraartikel mit Sonderhonorar.) Sie spielen ja eine Rolle als „Sänger“. Wer hat das Stück geschrieben, wie kommt es bei den Beteiligten an? Wie gefällt es? Gefällt es nicht?

9. Freizeit: Was tun mit der vielen Zeit?
Was machen erwachsene Männer mit ihrer Zeit? Ein Blick auf Freizeitgestaltung in der JA. (Ping Pong spielen, etc.) Ich höre immer wieder, dass das klassische „Kartenspiel“ etwas aus der Mode kam. Verdrängt vom TV-Konsum. Es gibt ja auch das klassische Gemeinschaftsfernsehen nicht mehr, da jeder einen TV-Schirm am Haftraum hat. Welche Auswirkungen hat das? Solidarität, etc. Weites Thema.

10. Soziale Kontakte: Besuchszeiten
Sind die Besuchszeiten generell zu kurz? Schlechte Zeiten, zu wenig Nachmittag, zu wenig Wochenende (JA Josefstadt), zu wenig Tischbesuch (JA Josefstadt). Was bringt ein Besuch dem Insassen? Psychologisches Thema.

11. Kriminalität – ein gesellschaftliches Problem oder ein Medienproblem?
Stellenwert der Kriminalität aus Ihrer persönlichen Sicht. Wandel des Kriminalität. Neue Delikte. Sterben alte Traditionen aus? (Schränker, Handwerker, stattdessen Giftler, Beschaffungsräuber).

12. Anwälte – ein Problem?
Sind Anwälte Könner oder Nichts-Könner? Anekdoten (etwa die Stern – Ihre Anekdote 1% – 99%), gute teure, schlechte, auch teure Anwälte. Armenanwälte. Lebhafte Geschichten. (Auch mehrteilig)

13. Die Richter
Blutrichter, Sadisten, Gerechte, Idealisten.
Sprechen sie Gerechtigkeit oder ein Urteil?
Lebhafte Geschichten. (Auch mehrteilig)

14. Die Kieberei:
Kann man dümmer sein, als die Polizei erlaubt? Verhältnis Kieberei – Kriminelle.

15. Einbrüche:
Warum wird es dem Einbrecher leicht gemacht?
Sicherheitsaspekte (Auch mehrteilig)

16. Beute machen:
Der Einbrecher macht Beute. Was macht er dann damit? Was ist mit den Hehlern?

Nehmen Sie diese Liste als Überlegung aus 20 Minuten zwischen zwei Rauchpausen. Die Liste ist nur eine Empfehlung! Entwickeln Sie weitere Ideen!

An die Reihenfolge müssen Sie sich nicht halten. Nur Thema 1 („Warum sitzen?“) sollte am Anfang stehen. Danach ist die Reihung nicht wichtig. Gehen Sie an, wozu Ihnen etwas einfällt. Themen, die Ihnen mehr liegen, haben Vorzug.

Inhaltlich greife ich nicht ein. Voraussetzung, die Kolumnen sind gut und enthalten nichts Strafbares. Ich mache einen Blick auf Grammatik und Länge. Nochmals: Nicht mehr als 2.000 Zeichen. Also: Strengen Sie sich an! Nun sind Sie am Wort! Die letzte Kolumne, Ende Jänner 2004, könnte abrundend dann davon handeln, dass Sie enthaftet werden.

Mit Grüßen, Marcus J. Oswald

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Nachwort: Die angesprochenen „5.000 ATS“ waren illusorisch. Stummer erhielt pro Kolumne 20 Euro, mal 15, in Summe 300 Euro Honorar, also knappe 4.000 ATS. Dieses Geld wurde ihm zur Gänze überwiesen. Herr Oswald behielt keinen Groschen ein. Beim Experiment „Haftkolumne“ ging es nicht um Geld, sondern um die neue Sache.

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Das wurde es:
Kolumne Teil 1 (Warum Sitzen? I)
Kolumne Teil 2 (Warum Sitzen? II)
Kolumne Teil 3 (Sex im Häfen I)
Kolumne Teil 4 (Sex im Häfen II)
usw.

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